Pfarramt Ahlbeck-Zirchow
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auf Usedom

Predigt Rundfunkgottesdienst auf NDR Info am 2. August 2020, 10.00 Uhr im Ostseebad Heringsdorf mit den Kirchengemeinden Ahlbeck, Heringsdorf-Bansin und Zirchow - Thema: „Kinder des Lichts“  

Predigttext: Johannes 9,1-7

Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.  

Liebe Gemeinde,

große Glasfenster, hohe, kunstvoll verzierte Veranden, helle, vom Licht durchflutete Räume. Die Architekten und Baumeister an der Ostsee haben schon immer viel vom Licht verstanden. Und ich stelle mir vor, wie vor über 100 Jahren die Berlinerinnen und Berliner, vor allem die Wohlhabenden, zur Sommerfrische auf die Insel reisten. Raus aus den Stadtwohnungen, rein in einen hellen, vom Licht durchfluteten Sommer. Sommerfrische war schon damals so etwas wie Lichttherapie für Menschen, die dem lauten und engen Leben auf Zeit entfliehen konnten. Raus aus den steifen Uniformen, den Zwängen, der Enge, dem Mief der Kaiserzeit. Rein ins Licht, in die strahlend weißen Villen, die sonnendurchfluteten Veranden und in die herrlich züchtigen und weit geschnittenen Bademoden, die immerhin ein wenig Sonne an die Haut ließen. Licht am Meer verschiebt die Wahrnehmung.

Die meisten Menschen können von Geburt an sehen. Gott sei Dank. Wir sind Lichtwesen, das Auge steht für die Farben, das Bunte, das Helle, die Lust und Leidenschaft. Licht ist Kommunikation. Licht ist Therapie. Licht ist Schöpfung. Gerade an Tagen, die eher dunkel wirken und auch von inneren Ängsten besetzt sind, wissen wir das am allerbesten.

Wenn Jesus auf die Erde spuckt, sich tief bückt – ich sehe ihn hocken – und im Schatten einen Brei anrührt, ein heilendes Mittel, dann sagt er, mehr zum Boden gerichtet als zu den Umstehenden, „wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist. … Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“

Das sagt der Glaube bis heute, und der Glaube ist Licht in der Welt. Jesus rührt einen heilenden Brei, streicht ihn behutsam auf die blinden Augen.

Markus, ein Freund, ist vor einigen Jahren erblindet, hat sein Augenlicht vollständig verloren. Das war eine Katastrophe. Vor einigen Tagen habe ich ihn gefragt, was er heute eigentlich sieht. „Schwarz“, sagte er. Aber er wisse noch genau, was Sehen sei, trüge die Gesichter und alle Farben weiter in sich. Und er erzählt, wie er damals – alles war noch frisch – von der Klinik nach Hause reiste. In Schwarz getaucht zogen die grauen Schatten einer Stadt an ihm vorbei. Es war wie ein Abschied vom Sehen. Das Fühlen, das Hören, das Wissen ersetze ihm vieles, aber nicht alles, nein, das Augenlicht fehle ihm, noch immer. Aber wenn er jemanden bittet, ihm über die Straße zu helfen oder die Richtung zu weisen, dann bieten ihm die meisten an, ihn nicht nur über die Straße, sondern gleich bis nach Hause zu begleiten. Es gebe viel Hilfe. Nur einmal habe man ihn hilflos stehen lassen. 

Er erzählte dann vom „Blindfisch Johanna“. Johanna ist von Geburt an blind. Sie ist Schülerin. Johanna erklärt auf ihrem YouTube Kanal, was „von Geburt an blind sein“ wirklich heißt. „Blindfisch Johanna“ sagt, sie kenne kein Schwarz, nicht mal das, sie habe ja nie im Leben etwas gesehen, auch keine Schatten. Und wenn ihr Menschen begegnen, dann geht es niemals um deren Aussehen, wichtig sei, ob jemand höflich ist, gut riecht, eine sympathische Stimme hat. „Blindfisch Johanna“ erklärt, Vertrauen wächst durch die Stimme und deren Klang.

Und ich höre Jesu Stimme „wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist. … Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ Das klingt sympathisch und das ist sympathisch.

Im ursprünglichen Sinn des Wortes, denn Jesus schließt die Blinden ein, lässt weder die Lahmen außen vor, noch die Kranken, noch unsere Sterbenden, er lässt auch den Schuldigen nicht im Schatten stehen und hängt erst recht nicht die Verzweifelten ab. Darum kümmert sich unsere Kirche auch um die Kranken und die Sterbenden, die Gefangenen, die Flüchtenden und erhebt ihre Stimme für die Armen.

Wir haben das in diesen letzten Monaten auch hier erlebt, auf Usedom, wie gut uns gegenseitige Sympathie tut. Auch mit äußerem Abstand, den wir hier vor der Kirche wahren, kann man sich nahe sein. Manchmal reichte ein Wort, nur das Angebot zu helfen lindert Einsamkeit. Es gab Begegnungen mit Menschen, die schon immer in der Nachbarschaft leben, die wir aber ganz neu kennen gelernt haben.

Sympathie ist wie ein Lichtspiel, das zunächst in das Leben des Blinden einfällt. Und Jesu Sympathie reicht weiter, erreicht auch die Sehenden. Jesus streicht seinen Brei auf die Augen und sagt: „Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.“ Das ist die Lichttherapie Jesu, Sonne fällt ein, flutet das Leben der Blinden und erhellt uns, die Sehenden. Es wird heller, wie durch die Sonne, die durch große Fenster unsere inneren und äußeren Räume ausfüllt. Eine sympathische Stimme, ein guter Duft zieht durch das Leben, schafft Vertrauen.

Wie so oft öffnet der Glaube neue Perspektiven für die Nächsten, für die Fernen, für die, die schon lange auf etwas warten und auf helle Zeiten hoffen. Mindestens Trost spendet der Glaube, in jedem Fall einen überraschenden Lichteinfall.

In der Kaiserzeit verbrachte der Maler Lyonel Feininger viele Sommer hier auf Usedom. Mit seinem Fahrrad war er täglich unterwegs, legte lange Strecken zurück. Er stieg immer wieder ab, blieb stehen oder hockte sich hin. Mit schnellen Strichen skizzierte er, fertigte sogenannte Natur-Notizen. Diese Skizzen wirken, als folge der Maler den Spuren des Lichtes. Ihm reichen nur einige Striche, die Landschaft erscheint, der Himmel und das Meer, ein Segel zieht vorbei, eine Wolke steht am Horizont. Sparsam durchdringt das Licht die Dinge, gibt ihnen Kontur. Licht ist schöpferisch. Er bewahrte diese Skizzen auf und nahm sie mit, als er – von den Nazis hart bedrängt und mit dem Wort entartet diffamiert – nach New York emigrieren musste. Als er Jahrzehnte später ein Bild nach einer dieser Skizzen malt, fällt genau dieses ursprüngliche Sommerlicht ein, das er von der Ostsee kannte und vor seinem inneren Auge bewahrt hat. Wie in uns nach guten Ferienzeiten die Erlebnisse, die Düfte, die Sympathien, die wir aufbauen, noch lange Zeit weiter wirken und häufig ihre ursprüngliche Kraft bewahren. Helle Tage wirken immer nach.

Der Künstler kommt in vielen Bildern dem Glauben, dem „Licht der Welt“, überraschend nah. Wenn er eine Kirche zeichnet, dann fällt häufig Licht durch die Fenster, von innen nach außen und es wirkt, als solle es in die Welt eindringen. Wie eine gemalte Aufforderung an uns: Seid Licht, liebe Christinnen und Christen, mit eurem ganzen Glauben! So wie das Licht der Welt, Christus, so leuchtet auch ihr.

„Der Gegenstand ist nichts, das Sehen ist alles“, schreibt Feininger an einen Freund.

„Das Sehen ist alles“, da strich Jesus ihm den Brei auf die Augen und sprach „geh zu dem Teich … und wasche dich! … und der kam sehend wieder.“

Musik: Georg Philipp Telemann (1681-1767), „La Gráce“ aus der Suite in D-Dur

„Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt“, sagt Jesus. Ich versuche mir auszumalen, wie der Blinde urplötzlich alles sieht. Es müsste ein Sinnesrausch sein, der ihn wie eine Welle überrollt. Was ist Weiß? Was ist Schwarz? Ganz zu schweigen von Rot, Blau, Gelb, Grün, von Hell und Dunkel. Ist es Glück, alles sehen zu müssen, auch das Leid? Sein Herz rast wild. Was ist groß, was ist klein? Seine Sinne sind auf das Hören, das Tasten, die Düfte, die Suche nach einer sympathischen Stimme eingestellt. Jetzt, die Augen am Teich Siloah gewaschen, sehen? Er schließt die Augen, presst sie fest zu, hält die Hände vor das Gesicht, will sehen und dann auch nicht. Das erste Mal sieht er das tieefe Schwarz. Und weiß endlich, was das ist. Dann lässt er die Lider langsam locker, durch die geschlossenen Augen hindurch bricht sich dieses Schwarz rötlich. Das ist Sehen, unterscheiden können. Er blinzelt wieder, nun nur leicht zwischen den Augenlidern hindurch. Er will sich gewöhnen. Ja, das will er jetzt, sehen. Auch dann, wenn er alles sehen muss, Jesus es ihm zumutet, auch die Tränen, die andere weinen und die entsetzt aufgerissenen Augen der Ängstlichen. Es rauscht in seinen Ohren, und der Boden wankt unter seinen Füßen. Jesus macht es ihm nicht leicht. Und er weiß, er wird schnell laufen können und nicht stolpern. Und die Gesichter, der Menschen, die sind so schön. Augen wie Sterne und ein Lächeln ist kostbar.

Die Bibel gibt wenig über ihn preis. Ich wüsste zu gerne, ob es Tage, Monate, Jahre gebraucht hat, damit der Blinde wirklich zum Sehenden geworden ist. Seine Ohren aber, da bin ich mir sicher, werden immer dieser sympathischen Stimme nachlauschen. „Ich bin das Licht der Welt.“

Ob „Blindfisch Johanna“, von Geburt an blind, vom Sehen träumt? Ich werde ihr eine Mail schreiben und sie fragen.

Wir wissen, dass Jesus Menschen sehend macht, damit sie hinsehen, genau hinsehen und auch hinhören, genau hinhören. So wie wir heute sehen, was ist, die Freude, wie die Not.

Jesu Wort ist sympathisch. „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ Solches Licht der Welt will man sehen. Und häufig fällt es, wie durch große Fenster, in unser Leben ein. Es wird bleiben, wie die Farben dieses Sommers, die legen sich ab, mit all dem Licht, in das Reich unserer Erinnerungen und leuchten weiter.

Thomas Mann verbrachte – das Kaiserreich war zu seiner Zeit Vergangenheit – seine „Sommerfrische“ in Ahlbeck. Er schrieb hier an seinem Roman „Der Zauberberg“. Obwohl das Buch in den Bergen spielt, in einem Lungensanatorium, führt Mann seine Leserschaft an das Meer. Er nimmt sie mit auf einen Spaziergang an unseren weit auslandenden Strand.

„Wir gehen, gehen auf leicht federndem, mit Tang und kleinen Muscheln bestreutem Grunde, die Ohren eingehüllt vom Wind, von diesem großen, weiten und milden Winde, der frei und ungehemmt und ohne Tücke den Raum durchfährt … Die Brandung siedet, hell-dumpf, aufprallend rauscht Welle auf Welle seidig auf den flachen Strand, – so dort wie hier und an den Bänken draußen, und dieses wirre und allgemeine, sanft brausende Getöse sperrt unser Ohr für jede Stimme der Welt. Tiefes Genügen, wissentliches Vergessen … Schließen wir doch die Augen, geborgen von Ewigkeit. Nein, sieh, dort in der schaumig grünen Weite, die sich in ungeheuren Verkürzungen zum Horizont verliert, dort ein Segel.“

Was Thomas Mann sieht und hört, was er hier an der Ostsee mit allen Sinnen fühlt, wirkt so stark, dass er es mitnimmt an seinen Schreibtisch und wachrufen kann für seinen Roman, seinen Leserinnen und Lesern dafür die Augen offenhält. Die Erinnerung an das Licht reicht über die Zeit hinweg, öffnet neue, weite Dimensionen. Schließen wir die Augen, nehmen wir die sympathische Stimme in uns auf, hören und sehen ihn, „Geh zu dem Teich Siloah … und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.“ Pastor Henning Kiene, Kurparkstraße 2, 17419 Seebad Ahlbeck, pastor@pfarramt-ahlbeck-zirchow.de


Ostseezeitung Ausgabe Insel Usedom am Sonnabend/Sonntag 04./05. Juli 2020

DAS WORT ZUM Sonntag

Ostsee statt Mittelmeer: ein Sommer der Kompromisse

„Wir hatten uns auf das Mittelmeer gefreut und nun sind wir an der Ostsee gelandet“, höre ich im Stimmengewirr auf der Promenade, „es ist einfach ein Kompromiss.“ Die Stimme klingt heiter, Ostsee ist ein guter Kompromiss. Der Sommer 2020 wird für uns zu dem Sommer der Kompromisse. Was in diesem Jahr nicht geht, wird getauscht gegen das, was möglich ist. Ostsee statt Mittelmeer. Die Jugendfreizeit, sonst in Schweden, führt nach Zinnowitz. Die Hochzeit wird im kleinsten Kreis gefeiert. Das große Fest fällt aus. Ein Blick in die Augen ersetzt die Umarmung und eine Verbeugung den Händedruck. Auch die in Kurzarbeit leere Familienkasse, verändert manchen Ferienspaß. Vieles ist nicht automatisch schlechter, es ist einfach nur ganz anders.

Der Kompromiss ist eine „Übereinkunft durch gegenseitige Zugeständnisse“, steht im Duden. Die alten Römer erfanden diese Art des Interessensausgleichs. In der Bibel schreibt der Apostel: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Galater 6,2). Der Kompromiss wurde zum abendländischen Kulturgut. Die heute ausgeprägte Bereitschaft, sich gegenseitig zu schützen, vertraut diesem alten Wissen.  

Das: „Einer trage des andern Last“-Prinzip ist einfach, mal gibt der eine und die andere nimmt. Dann aber gibt die andere und der eine kann nehmen. So gelingen Ehen, so halten Familien zusammen. Unsere Gesellschaft ist nach diesem Prinzip geordnet. Es geht darum, dass kein Mensch mit seinem Leben ganz allein zurechtkommen muss. Alle schöpfen aus guten Kompromissen. Die Maske, die ich über Nase und Mund trage, ist ein Kompromiss zu Gunsten der anderen Menschen. Das macht man doch gerne. Den größeren Abstand zu dem Nächsten einzuhalten ist ein Zugeständnis, von dem alle Menschen profitieren. Der unterdrückte Reflex, die Hand zu reichen, hilft. Das Zugeständnis fällt schwer, aber es wirkt.

Auf zahlreichen Urkunden zur Konfirmation und Hochzeit steht das „Einer trage des andern Last“-Prinzip. Gott hat es sich eigen gemacht, er trägt schwer. Das erleben wir jetzt gerade. An den Orten, an denen keine Zugeständnisse gemacht werden, droht das Chaos. Elend wächst weltweit. Bei uns ist kein Chaos. Wenn jemand „Ostsee statt Mittelmeer“ zum Kompromiss erklärt, dann geht es uns wieder sehr gut. Und die Ostsee und dieser Sommer belohnen uns mit herrlichen Sommertagen. Es ist wie ein Werbeprospekt für solche Kompromisse.

Henning Kiene, Pastor in Ahlbeck und Zirchow


3. Sonntag nach Trinitatis – 28. Juni 2020

Wochenpsalm: Psalm 103,1-13 - Evangelium: Lukas 15,1–3.11b–32

Predigttext: Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast. Micha 7,18-20

Predigt: „Im besten Fall jagt er mich nicht gleich vom Hof“, sagt er sich selbst und geht weiter. Zurück nach Hause. Es wenigstens versuchen, beim Vater. Beim Abschied waren seine Taschen prallvoll. Geld stand für Freiheit. Jetzt klimpern zwei letzte Groschen gegeneinander. Armut steht für Ausweglosigkeit. „Wenigstens Tagelöhner, das wäre schon sehr viel“, sagt er sich. Und dann der Satz, den wiederholt er immer wieder: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir“.

Was kann er erwarten? Bestenfalls: Tagelöhner, Leiharbeiter im Zerlegungsbetrieb, Erntehelfer, Hof fegen, höchstens Mindestlohn, eine Matratze zum Schlafen, die er sich mit den Männern anderer Schichten teilt. Bestenfalls ließe sich die Rückkehr so vorstellen.

Was kann man im besten Fall erwarten? Schon der Prophet Micha ist eher pessimistisch, eben Unheilsprophet: „Es ist aus – so wird man sagen –, wir sind vernichtet! Meines Volkes Land kriegt einen fremden Herrn!“ (Micha 2,4b). Die Kritik zielt auf die Herrschenden: „Aber ihr hasst das Gute und liebt das Arge; ihr schindet ihnen die Haut ab und das Fleisch von ihren Knochen und fresst das Fleisch meines Volks“ (Micha 3,2-3.a) Und die, die angesprochen sind, hören weg, sehen beiseite, denken, die seien nicht gemeint, schieben die Schuld den anderen zu.

Was kann man im besten Fall erwarten? Dass da einer endlich mal nicht die ganze Kette der Fehler, die angeblich nur andere gemacht haben, bis zum Anfang nachverfolgen will. Nicht sagt: Es sind die anderen, nur einer nicht, ich. Dass auch einem gestandenen Politiker etwas anderes einfällt, als den Arbeitern die Schuld an ihren Rieseninfektion zu geben. Man hatte sie schließlich geholt, weil niemand mehr diese Arbeit machen will. Das Suchen nach Schuld beginnt allzu leicht bei den anderen, und oftmals bei denen in der Ferne. Nur ich, ich bin nicht dabei. Die selbst attestierte, eigene Unschuld passt, so denkt man, auf den ersten Blick immer. Schuld ohne mich, das macht aber einsam, vor Menschen und vor Gott.

„Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir“, die letzten beiden Groschen klimpern leise tief in der Tasche, er hört sie mit jedem Schritt. Dass er „ich“ sagt, ist in vielerlei Hinsicht schon einen Schritt weiter. Das hat der Hunger befördert, oder die Schweine, aus deren Trog er nicht nehmen durfte, oder es ist seine Erinnerung an die Bibel, aus der ihm vorgelesen worden war. Den Propheten Micha kannte er, von dem wusste er: „Ich will dich, Jakob, sammeln ganz und gar und, was übrig ist von Israel, zusammenbringen. Ich will sie wie Schafe miteinander in einen festen Stall tun und wie eine Herde in ihre Hürden, dass es von Menschen dröhnen soll“ (Micha 2,12). Es braucht die Bibel, die dieses „Ich“ und meine Beteiligung in unsere Gedanken einführt. Dieser Satz, „ich habe gesündigt“, ist urbiblisch. Überhaupt ist der Gedanke, dass alles, was schief läuft, nicht nur von anderen verursacht wird, biblisch.

Was kann ich im besten Fall erwarten? „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott“ (Micha 6,8), das ist die Summe der Tora, aller Gebote Gottes. Micha war kein reiner Unheilsprophet.

Was kann ich selbst im besten Fall erwarten? Dann tritt der beste Fall ein. Und der beste Fall ist besser als alle anzunehmenden Fälle es hätten sein können: „der Herr hat Gefallen an Gnade!“ (Micha7,18), heißt es plötzlich. Das Unheil verpufft. Und die zwei letzten Groschen klimpern immer noch ganz leise in der Tasche, als der Vater ruft: „Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein!“ (Lukas 15,22) Man rechnet mit allem, nur nicht damit. Man rechnet mit einem Gericht, mit Schweigen, Erniedrigung, Züchtigung, mit dem Untergang der letzten Hoffnung mit gründlicher Suche nach Schuld. Glaube kann Gnade immer nur ahnen und darauf hoffen. Nur nicht damit rechnen: „Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen“ (Micha 7,19).

Und doch hofft jede und jeder auf den besten Fall. Dann, wenn einem die letzten zwei Groschen, ein letzter Rest Hoffnung in der Tasche klappert, wenn jemand sagt: „Ihr werdet keinen Anteil behalten in der Gemeinde des Herrn“ (Micha 2,5), bleibt da die Gnade. Es muss doch auch ein anderes, besseres Ende geben als Abweisung, Kälte, Schultern zucken, als: „Ist doch egal“, oder: „Die da sind schuld“. Genau in diesem Moment löst sich Vom Horizont eine Gestalt, läuft mit großen, ungeübten Schritten auf ihn zu. Da: „Sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn“ (Lukas 15,20). Denn er, der Herr hat Gefallen an der Gnade. Amen



2. Sonntag nach Trinitatis – 21. Juni 2020

Wochenpsalm: Psalm 36,6–10 - Evangelium: Lukas 16,19-31

Predigttext:

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. Matthäus 11,25-30

Predigt:

Am Ostseestrand: Paare wandern Hand in Hand. Blasse Gesichter strahlen in der Sonne. Kinder errichten sandige Bauwerke. Erleichterung ist seit Pfingsten mit Händen zu greifen. „Wir haben viel geschafft.“ Eine schwere Last weicht. Die Schultern entspannen. Ein Zwischenraum, Ferienzeit  öffnet sich zum tiefen Durchatmen. „Der Himmel schickt solche Ruhe“, sagt jemand trotz Seenebel. Paul Gerhard dichtet:

„Er weiß viel tausend Weisen, / zu retten aus dem Tod,
ernährt und gibet Speisen / zur Zeit der Hungersnot,
macht schöne rote Wangen / oft bei geringem Mahl;
und die da sind gefangen, / die reißt Er aus der Qual.“.

Wir ahnen, dass Vieles für eine lange Zeit ganz anders sein wird. Und trotzdem ist uns das Joch seit Wochen Tag für Tag leichter geworden, aber vor allem für uns hier in unserem Land. Ich bin davon überzeugt, dass wir an unseren Seelen auch durch unseren Glauben bewahrt werden. Jetzt planen wir Ferienbeginn, Urlaub, Entspannung, ob hier in der Nähe oder dort in der Ferne ist plötzlich nicht mehr so wichtig. Unsere Gäste sind wieder hier. Schön, dass Sie da sind. Die Erleichterung ist mit Händen zu greifen.

Ich habe mir – seit Kindergottesdienstzeiten - immer vorgestellt, dass Jesus tatsächlich an all dem Schweren auch körperlich mitträgt. Kindlich habe ich mir ausgemalt, wie seine Hand, wir sehen sie ja am Kreuz, das Joch mit trägt, das Menschen auf der Schulter lastet, es leicht anhebt. Natürlich ist diese Vorstellung nur entfernt richtig. Aber im Kleinen Katechismus schreibt Martin Luther, wie das geht: „Ich glaube, dass Jesus Christus, … sei mein Herr, der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels.“ Und ich füge hinzu: Vor der Angst, der Verzagtheit, dem Kleinlichen, das bleischwer wird. Solcher Glaube entlastet einen von der Furcht, die denkt, alles, was geschieht, läge nur in der Hand von uns Menschen. Wer meint, alle Geschichte sei nur und ausschließlich von Menschen gemacht, irrt. Diese Last wäre zu stark. Das Joch könnte niemand tragen. Das muss auch niemand tragen, denn Jesus sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“

Der Glaube trägt das Joch, der Glaube an Jesus Christus hebt mit leichter Hand die Last auf der Schulter.

„Ich muss jetzt eine Kerze anstecken“, sagte eine Frau, die Freitag in unsere Kirche stürmte, „ich bin so dankbar!“ strahlt sie, „endlich wieder hier an der Ostsee! Und alle in meiner Familie sind gesund. Ich will Gott danken.“ Was es heißt, wenn das Schwere leichter wird, entdecken wir jetzt gerade neu. Und wie sehr uns das Hoffen und Beten im wahrsten Sinne des Wortes entlastet, auch.

Montag lief eine Reportage mit dem Titel „Wir schicken ein Schiff“. Da erlebte man im Fernsehen mit, wie durch ein breites gesellschaftliches Bündnis, das unsere Kirche gegründet hat, ertrinkende Menschen aus dem Mittelmeer gerettet werden. Und als ich dann spät in der Nacht im Bett lag, war ich erleichtert. Denn der Glaube an Jesus Christus bewirkt etwas, er schützt Menschen, die sonst untergehen würden. Dass andere solche Hilfe leisten, entlastet uns immer wieder: Notfallseelsorge hilft, Diakonie hilft, Schuldnerberatung hilft. Glaube macht auch indirekt so manches Joch, an dem wir alle tragen, leichter.

Wir empfangen eine Kraft, die den im Leben Bedrückten, die aufrechte Haltung zurückgibt. Und von dieser Kraft leben wir. Man muss nur an seine selbst erlebten Zeiten voller Mühsal und Belastung denken. Die kennen viele von uns. Da sind es häufig diese Tage, die voller Widerstand einen zu Boden drücken, in denen man sich geschützt weiß. Und Jesus stimmt im Matthäusevangelium in einem Moment ein Jubellied an, in dem ihn niemand wirklich verstehen will.

Erleichterung – nicht nur am Strand, beim Spaziergang, das reicht nicht, wirkt nur auf Zeit, immerhin. Wenn es einen Satz gibt, in dem alles von, über und mit Jesus zusammengefasst wird, dann diesen: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Das dichtet Paul Gerhard:

Er ist das Licht der Blinden, / erleuchtet ihr Gesicht;
und die sich schwach befinden, / die stellt Er aufgericht´.
Er liebet alle Frommen, / und die Ihm günstig seind,
die finden, wenn sie kommen, / an Ihm den besten Freund.                                      

Amen



1. Sonntag nach Trinitatis – 14. Juni 2020

Wochenpsalm: Psalm 43,2-11

Evangelium: Lukas 16,19-31

Predigttext:

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Predigt:

„Weißt du noch?“ fragte er kurz vor dem 30. Hochzeitstag. Und sie fingen an zu reden, von damals. Vom ersten Treffen, „du hattest den gestreiften Pullover an“, „der liegt noch immer im Schrank, ich habe den nie weggegeben“. „Wir redeten und ich spürte Vertrauen“, „und das wuchs immer weiter“, „wir waren ein tolles Paar“, „mit Schmetterlingen im Bauch“. „Weißt du noch? – Wir waren ein Herz und eine Seele‘“ und „wir teilten alles“. „Sag mal zehn Dinge, die du an mir mochtest“ – und als er fertig ist, sind es vielleicht sogar fünfzig. Und sie mussten sich nicht einmal mühen, es fiel leicht, diese ersten Schmetterlinge noch einmal fliegen zu lassen.

Es gab auch Auseinandersetzungen, es gibt noch immer Streit, dann fanden sie Kompromisse, mühsam errungen, noch immer, doch das spielt dann, wenn sie auf all die Jahre sehen, keine Rolle. Sie sind noch immer ein Herz und eine Seele. Martin Luther hat dieses Bild von dem einem Herzen und der einen Seele geschaffen. Er schließt alles zusammen, Denken, Fühlen, Wissen. Herz und Seele stehen für einen Einklang und erheben die Gegenwart über die Niederungen der alltäglichen Differenzen.

„Weißt du noch?“ - die Apostelgeschichte erinnert an die Anfänge der Kirche. Das war eine Zeit, in der die Weichen gestellt worden sind. Wem gilt das Evangelium? fragten sie. Allen, sagten die einen. Nur uns, sagten die anderen. Zu wem sollen wir gehen? Zu den Frommen? Zu den Heiden? Zu wenigen? Zu allen? Zu Paulus oder Petrus? Bleiben wir unter uns? Kommen Fremde dazu? Wem gilt die Zuwendung Gottes? Die Apostelgeschichte reiht die unterschiedlichen Streitigkeiten aneinander. Doch, es war wie an vielen Anfängen, hätte man sie gefragt, was sie über alle Differenzen zusammenhielt, dann hätten sie von Jesu Mahlgemeinschaft gesprochen. Die Gemeinschaft mit Jesus ging weiter, obwohl nicht mehr er das Brot brach, sondern sie es brachen. Von dieser ersten Euphorie in ihrer Kirche lebten sie, auch in allen Differenzen.

Damals saßen sie alle um einen Tisch und teilten alles, was sie hatten. Sie machten, was er, Jesus, ihnen vorgemacht hatte. Sie legten Brot, Fisch, Wein, Geld, zusammen und teilten. Und stellten fest, das Wenige, das einer besaß, reichte für alle. Überhaupt: Teilen konnten sie alle schon immer am besten. Niemand blieb auf seinen Sorgen hängen. Niemand wurde in Nöten allein gelassen. Man hatte ein Blick füreinander, achtete auf die Schwachen, wies die Starken zurecht. Dieser ungewöhnliche Blick für den anderen Menschen und dessen Bedürfnisse war von Jesus eingeübt. Das war wie heute ihr Gefühl für Schmetterlinge im Bauch. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

Wer so einen Anfang erlebt hat, wird den Zauber dieses Anfangs mindestens bis zum dreißigsten Hochzeitstag und auch noch durch zweitausend Jahren Christentumsgeschichte bewahren wollen. Da liegt der Zauber von einst noch immer in der Luft. Man weiß im christlichen Leben um diesen Beginn.

Ob man später von diesen Corona-Zeiten Ähnliches berichten wird? Ich bin mir sicher, man wird viel von uns sprechen, nicht nur von den Ausbrüchen einer unbekannten und unbeherrschbaren Krankheit. Wichtiger wird sein: Wir alle haben etwas begriffen, etwas von dem, was ursprünglich richtig und wichtig für das Leben ist. Von Zusammenhalt und Sorge füreinander wird die Rede sein. Wir werden nicht mehr davon sprechen, was, wer, wie und wann sinnvollerweise oder in übertriebenen Maßen angeordnet hat. Wir werden von den Kindern und deren Bildung, von den starken Müttern und Väter sprechen, die Kinder betreuen und unterrichten, sprechen werden wir von den Alten, die allein waren und bleiben, und die einfach tapfer sind. Von unserem eigenen Verzicht werden wir erzählen, von den geplatzten Plänen und Träumen, von der erzwungenen Bescheidenheit, die es braucht. Dieses Wissen um Verzicht auf alles, was man selber durchsetzen will, trägt unsere Kirche seit Urzeiten mit sich. Es geht um eine neue Form des Teilens. Und man gab einem jeden, was er nötig hatte – das lernen wir gerade neu.

Die Gegenwart lebt von den Ursprüngen. Das liegt schon im Wort Religion, auf Deutsch heißt Religion, sich zurück zu erinnern. Ich erinnere mich, dass mich dieses Teilen, dieser Verzicht auf Eigentum, der von der ersten Gemeinde berichtet wird, schon in der Kinderbibel tief beeindruckt hat. Wenn das die Grundlage des Glaubens ist, dann würde dieser Glaube mich nicht mehr loslassen, das begleitet mich. Genauso wenig wie Jesus einen unbeeindruckt lassen kann, dessen Besitzlosigkeit, genauswenig wie – vor ihm – die Kargheit der Wüste, durch die das Volk Israel zog, genauso wenig, wie – noch früher - der Ruf an Abraham „geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will“. An diesen ersten Anfängen knüpft der Glaube immer neu an. „Weißt du noch?“, wir spüren, wie die Schmetterlinge, die ursprünglich sind, sie flattern immer wieder und weiter.

Trinitatis - 7. Juni 2020

Wochenpsalm: Psalm 113

Evangelium: Johannes 3,1–8(9–13)

Predigttext:

Der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.                                                                                                                                      4. Mose 6,22–27

Predigt:

Wenige Minuten nach der Geburt wird ihr ihre Tochter ihr in den Arm gelegt. Auf einmal ist es mucksmäuschenstill. Kein Wort, kein Gerät, kein Piepen mehr, statt Herzschlag, metallisch aus dem Monitor, nur noch das leise, schnelle Atmen. Die Woge der Geburt verebbt. Nur noch leise: Mutter, Vater, Hebamme und sie, die Kleinste. „Maria“, sagte die Mutter leise, sie strahlte die Kleine an. Das noch schrumpelige Gesicht verzieht sich zu einem Lachen. „Maria“, sagte der Vater. Beide strahlen und das Kind, so sehen sie, lacht zurück.

Das Leuchten eines Antlitzes über unserem Leben kann man nicht hoch genug einschätzen. Allein die Vorstellung, dass jemand an unserem Lebensbeginn uns sein Gesicht zugewendet hat, zählt. Es geht um ein ursprünglich menschliches Bedürfnis, in ein Gesicht sehen zu dürfen. Das ist so selbstverständlich, dass man nur daran denkt, wenn es um den Segen und Gottes Angesicht geht. Man möchte wissen, wie das eigene Leben gemeint ist, möchte erfahren unter welchen Vorzeichen es steht.  

Die Bibel weiß aus uralten Zeiten von dem erhobenen und leuchtenden Angesicht Gottes. Die Fruchtbarkeit der Äcker, der Wohlstand, der einem geschenkt wird, die nächste Saat und Ernte, liegt nicht nur in den Händen der Ackerbauern. Man ist von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängig, man kann sie nicht zählen. Es braucht dieses: Gott möge sein Angesicht erheben, Gott möge selber leuchten über den Menschen und in ihnen und durch sie hindurch. Alles, so die uralte Überzeugung, braucht beides, menschliche Mühe und Gottes Segen. Sein Angesicht aber, das ist nicht ein Teil von ihm, sondern Gott erscheint durch sein Angesicht vollkommen und vollständig. Er, sein Wille, sein Name, sein Wesen, sein Herzschlag, das alles leuchtet in seinem Angesicht.  

Gottes „Angesicht“ steht in den alttestamentlichen Überlieferungen für seine heilshafte Zuwendung. Umgekehrt gilt für deren Entzug: Verbirgt Gott sein Angesicht, wendet es ab, senkt es, bedeckt es, verhärtet es oder lässt finster werden, dann ist Zeit der großen Not. Eine Not, die sich kaum noch begrenzen lässt. Da helfen weder Quarantäne noch Impfungen. Es geht nur mit Zuwendung, ohne geht es nicht, da wäre Untergang. Zum Glück steht das Angesicht Gottes über unserem Leben.  

Mit großen Smiley Gesichtern hat man bei Säuglingen experimentiert. Man hat festgestellt, dass dieses große Lächeln, sogar nur vom Bild, das man ihnen vorhält, den Kindern gut tut. Sie lesen, nehmen das Lächeln in sich auf. Die Kleinen würden, so das Ergebnis, messbar entspannen, wenn sie das Lächeln sehen. Und sie lächeln zurück. Und wir lächeln innerlich zurück, wenn wir von Gottes Segen und seinem Angesicht hören.  

Es ist ein Segen, wenn ein Mensch mit einem Lächeln in das Leben treten darf. Denn das wirkt lebenslang bis in die Tiefe der Seele hinein. Und der Segen, den wir empfangen, wirkt tief, bis in den letzten Winkel hinein und entspannt einen. „Der Herr segne dich“, das ist das Lächeln Gottes für unser Leben, das steckt Menschen an. Der Segen setzt sich nicht nur an den Winkeln der Seele und in unseren Gesichtern fest, sondern er wird zur Lebenshaltung, dringt durch bis er in der Gesinnung und dann auch den Händen, den Taten ankommt. Segen wandert immer weiter, bis er in unsere Taten eindringt. Das Angesicht Gottes, viele erleben es durch die Menschen hindurch, die selber vom Glauben beflügelt sind und nicht nur einfach zusehen, was da so alles mit ihnen und um Sie herum passiert. Lächeln, das können auch die Hände.

In der vergangenen Woche haben wir gesehen, wie sich vieles zur Fratze verzerrt. Da liegt ein Mensch am Boden, bittet darum, dass er wenigstens atmen darf, man lässt ihn nicht. Atmen dürfen, das ist ja ein Grundrecht aller Menschen, wenigstens atmen…. Man würgt weiter. Ich sehe ein anderes Foto: das Gesicht eines Mannes mit einer Bibel in der Hand, er steht vor einer Kirche. Man fragt sich, was mag er gelesen haben in dieser Bibel? Er hält die Bibel hoch. Kein Lächeln, kein Wort, zu dem, worum es in diesem Buch eigentlich geht. Die Bibel erzählt vom Angesicht Gottes, auch dazu kein Wort, obwohl, da gibt es einiges zu sagen. Ich sehe die Pose und denke: Die Bibel ist kein Accessoire, das man einfach mal so in eine Kamera hält.

Wir aber lesen in ihr, „Der Herr behüte dich“, das ist ein Versprechen, das das Leben bis in die Tiefe hinein entspannt. Das ist nichts zum einfachen Hochhalten, sondern eine Geste Gottes, die für eine Haltung, für das Leben, steht, um dann weiter zu wirken. Segen ist wie ein erstes Lächeln, das man sieht, es formt alles, was zur Tat werden wird. Sogar die sind gesegnet, deren Leben bleischwer ist, auch das Leben derer, die Schuld tragen. Gesegnet sind die, die unten liegen, die um Luft ringen, die Schwachen, die Strauchelnden, Segen kennt weder Alter noch Hautfarbe. Es geht um Gottes Angesicht, das sich uns zuwendet.  Vor dem Angesicht Gottes wechselt die Stimmung, manchmal schlagartig, manchmal nur ganz langsam, sie stellt um von bedrückt auf im Leben beglückt. Es ist eben wie ein Lächeln, das einen einfach ansteckt.




Pfingsten - 31. Mai 2020

Wochenpsalm: Psalm 118,24–29 - Evangelium: Johannes 16, 15–19(20–23a)23b–27

Epistel und Predigttext: Als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf; die Sonne soll in Finsternis verwandelt werden und der Mond in Blut, ehe der große und herrliche Tag des Herrn kommt. Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden. Apostelgeschichte 2,1-21

Predigt: Liebe Gemeinde, da braust es, pfeift der Wind stürmisch um die Ecken, Staub wirbelt, die Vorhänge flattern wild in die Räume hinein, Fenster schlagen. Pause. Dann: Leise knistert es, Feuer flammt auf, wer hinhört, vernimmt es. Wie klingt Pfingsten? Gewaltig und leise, beides fast zugleich.

„…und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist.“

Wie klingt Pfingsten? Erst pfeift der Wind wild um das Haus herum, dann flötet er unter der Tür hindurch. Und die, die wir Jesu Jüngerinnen und Jünger dort drinnen sitzen merken, wie die Luft, diese verbrauchte, abgestandene Luft, deren Sauerstoffgehalt bedenklich niedrig ist, verdrängt wird und frische, Sauerstoff gesättigte, kühle Pfingstluft in die Räume dringt. Und sie atmen Gottes Geist und sie spüren, wie neue, andere Gedanken, überhaupt erst möglich werden. Pfingsten ist wie ein großer Luftaustausch.

So kann man vom Geist Gottes auch in der Bibel lesen. Er brachte Gott ins Leben der Menschheit hinein, keinen fernen, keinen theoretischen Gott, über den man spekulieren kann, ob er nun Liebe oder Zorn sei. Heiliger Geist bringt mit Jesus die Nächstenliebe wieder auf. Er zeigt mit Jesus, denen, die nichts mehr sehen können, das Reich Gottes. Heiliger Geist tut das Nächstliegende, retten, bergen, helfen wie die Feuerwehr. In Sachen Furcht ist er der Experte, dem es gelingt Sauerstoff in die Gedanken zu bringen.

Wie klingt Pfingsten? Geist braust auf und als sie in Jerusalem beginnen, alle durcheinanderzureden und ihre Stimmen sich aufgeregt vermischen, da weicht diese Enge von ihnen. Seit Wochen verharren sie darin, in dieser Furcht, die auf wenigen Quadratmetern zuhause ist. Sie kannten nur noch sich selber, hatten sich auf sich und ihre drei bis vier Lieblingsgedanken zurückgezogen. Merkten nicht mehr, dass da auch andere sind.

An diesem Punkt sind wir alle. Wo immer wir auch leben, hier in Ahlbeck, Berlin, Bochum, Paris und Tokio saßen und sitzen wir fest. Da sind Beruf und Freizeit, die Schule und der Kindergarten auf den Quadratmetern der eigenen Wohnung zusammengezurrt. Alles ist an einem Platz und all diese Menschen, die Familie sind, sind zugleich Vater, Mutter, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerin und Lehrer, Tröster, Seelenarzt und Hoffnungsmacher in einer Person. Wir erleben Enge, Angst und auch unsere Ungeduld und Überforderung. Das ging und geht überall den Menschen so: Asien, Afrika, Frankreich, Spanien…. Viele sind heftiger betroffen als wir.

Und dann kommt Pfingsten 2020 und der Geist Gottes pfeift um die Häuser. „Ich liebe das Leben“, schrieb jemand in den nassen Sand am Strand. Und dann kommen wir mit unseren blassen Gesichtern und unseren ungeschickten Corona-Frisuren wieder an die Luft, an die See, an den Strand. Die Kinder bauen Sandburgen, die Erwachsenen helfen und ich habe am Freitag viele glückliche Gesichter gesehen. Und trotz der Kühle liefen sie barfuß. Pfingsten heißt: Wir wollen diese Angst nun auch überwunden wissen. Brauchen Geist in die Köpfe und Herzen. Und es gab tatsächlich ein gewaltiges Brausen.

Wie klingt Pfingsten? Wie ein Brausen, das um die Ecke zieht, diese Stimmen, Frauen und Männer, die Kinder und die Jugendlichen, die alle so unendlich viel zu erzählen haben. Von ihrer Angst, von dem Sterben, von dem Gesundwerden. Die Ärztinnen und der Lehrer, der Erzieher und die Polizistin, der Vater, die Mutter, alle haben etwas zu berichten, was ihnen widerfahren ist. Und dabei reden sie alle von den großen Taten Gottes. Viel von Bewahrung, es gibt viel mehr Hinwendung, als wir vorher je ahnten, Rettung in Not, Hoffnung, auch da, wo niemand mehr hoffen will, Gebete füreinander, wo die Welt keine Worte mehr findet. Die großen Taten Gottes, die in den Monaten seit März immer dabei sind, preisen, das ist die Muttersprache, die wir verstehen können. Selbst wenn die Gefahren bleiben, über all das, was uns auch hilft, die Geduld unserer Kinder, die Fürsorge unserer Eltern, die Vorsicht und behutsame Art der anderen zu sprechen, das ist der frische Sauerstoff von Pfingsten.

In Jerusalem saßen sie in einem Raum, atmeten nur noch flach vor lauter Angst und Sorge, ihr Leben und ihr Glaube leide an Luftnot. Prinzip des Heiligen Geistes heißt, Luftaustausch: Furcht weg, kühler Mut hinein, ansteckende Aerosole rauslüften, gesunde Frischluft rein lassen.

Dieses Brausen geht durch das Fest. Und der Staub, der hochgewirbelte, senkt sich, die Vorhänge hängen still, sie spüren die Kühle des Windes noch auf der Haut. Das Brausen schweigt.

Wie klingt Pfingsten? Dann dieses , leise Knistern des Feuers, kaum ist es zu vernehmen, prasselt vor sich hin. Nach der Kühle des Windes, die Wärme eine Flamme, die all dieses Alte verzehrt und den Glauben durchwärmt. Amen – es folgt das Glaubensbekenntnis.



Exaudi – Herr höre meine Stimme, wenn ich rufe! - 24. Mai 2020

Wochenpsalm: Psalm 27,1.7–14- Evangelium: Johannes 16,5–15-

Predigttext: Jeremia 31,31-34

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Predigt: Liebe Gemeinde,

„für irgendetwas muss diese Zeit doch gut sein“, meint eine ältere Frau aus unserer Gemeinde. „Ich weiß nur nicht, wozu“, sagt sie, und fügt an „noch nicht“. Mir geht es auch so. Irgendwie suche ich nach einem Sinn, der sich an der Oberfläche jetzt nicht erkennen lässt. Vielleicht muss ja auch nicht alles einen Sinn ergeben. Es ist wie eine Heimsuchung, also wie eine Prüfung unseres Glaubens, unseres Zusammenhalts, unseres Respekts vor den anderen Menschen und dem Leben. Ich habe die Gräber in New York und die Not in Brasilien vor Augen.

„Für irgendetwas muss diese Zeit doch gut sein“, - ich denke, diese Frage ist eine Bitte um Geduld. Es muss nicht auf alles und jedes eine Antwort geben, als würden wir „Wer wird Millionär“ spielen und Kreuze setzen müssen: A, B, C oder D. Geduld lernen, das ist angesagt.

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr.

Das ist im Glauben angelegt. Ein Ziel ist Geduld. Israel: 40 Jahre Wanderung durch die Wüste. Eine Generation brach auf, die nächste erst kam an. Die einen sahen das gelobte Land von ferne, die anderen erst nahmen es in Besitz. Warten, Geduld haben, ist seit je her nötig. Warten aber ist aktiv und kostet, verlangt vielen von uns unendlich viel Kraft ab.

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr.

„Wie war es im März bei euch?“ fragt jemand am Telefon. Ich erzähle von dieser plötzlichen Stille als auch die letzten Gäste abgereist waren. Der Strand war leer. Mitten im Ort suchte sich ein Biber seelenruhig seinen Weg über Straßen und durch die Gärten. Wir warteten, sahen auf die Zahlen im Fernsehen, sorgten für eine Art neuen Alltag. Diese Wochen waren so anders als alle anderen Wochen, die ich hier und überhaupt in meinem Berufsleben erlebt habe. Es brauchte und es braucht viel mehr Geduld als man aufbringen kann. Geduld zehrt an einem. Ein Schüler, der sonst ohne Mühe sieben Schulstunden mit all den unterschiedlichen Fächern durchlernen kann, fällt heute nach zwei Stunden vor dem Computer, auf dem der Zoom-Unterricht läuft, müde aufs Sofa, schläft tief erschöpft ein. Das Virtuelle, diese Konzentration auf den kleinen Bildschirm, ist deutlich anstrengender als man es ahnt.

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich … einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss.

„Für irgendetwas muss diese Zeit doch gut sein“, - immer dann, wenn nach solchen größeren Zusammenhängen gefragt wird, höre ich, wie im Glauben eine Verheißung mitklingen will. Gerade auf den Wüstenwanderungen, die man ja auch persönlich zurücklegen muss, gibt es diesen Proviant. Stärkung der Geduld. Wenn man – wie Israel – in ein Exil geschickt worden ist, dann formt sich der Glaube an den einen Gott neu.

Und im Hintergrund entfaltet ein Wissen aus alten Tagen neue Kräfte: Gott hat sein Volk Israel, hat uns zu keiner Phase allein gelassen. Selbst Taktieren und ein schludriges Verschlampen der Zusage Gottes, seines Bundes, hat nicht für Untergang gesorgt. Der Prophet ergriff das Wort und begann wieder zu sprechen, ruhig, mit vertrauten Worten tritt er aus dem Unheil heraus und setzt neue Ziele. Gott verheißt Neues und rechnet nicht unablässig mit dem Alten ab. Gott schafft, auch ohne, dass wir etwas geleistet haben, beständig eine Zukunft auf den Plan. Und im Buch des Propheten Jeremia, der wirklich hart zu Gericht geht und mit Drohungen nicht spart, klingen urplötzlich Verse auf, die vom Neuen Bund sprechen.

Im März haben wir gesungen: „Der Mond ist aufgegangen, die goldenen Sternlein prangen.“ Viele fühlten sich einsam und suchten Zuflucht in den vertrauten Versen und Gebeten. Und dann kam die Strophe:

„Gott, lass dein Heil uns schauen,
auf nichts Vergänglichs trauen,
nicht Eitelkeit uns freun;
lass uns einfältig werden
und vor dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein.“

Und wir spürten, dass in solchen einfachen und klaren Worten das Herz höherschlug. Da ist etwas, das uns über all die Ungeduld und dieses Ungewisse – wenigstens für kurze Zeit – hinwegheben kann. Gottes neuer Bund bedient sich vertrauter Worte. Und er schreibt eine Erwartung ins Herz. Soviel kann schon reichen für die nächsten Schritte. Und wenn ein Schüler erschöpft ist von dieser merkwürdigen Zeit, dann wird er gestärkt erwachen.

„Alles wird gut“, sagte jemand. Es wird nicht alles gut, für die Kranken, für die Sterbenden klingt das sogar zynisch, auch für uns und jetzt wird nicht alles gut. Aber in der Geduld, die wir aufbringen müssen, in der Hoffnung, die wir haben, macht sich etwas noch Neues, Unbekanntes breit, etwas, das das Herz bewegt, wir lernen das gerade neu kennen. Es ist der einfache Glaube, dass Gott uns nicht fallen lässt.

Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

„Für irgendetwas muss das alles doch gut sein“, meinte die ältere Frau. Wir wissen es nicht so genau. Aber wir warten auf Pfingsten. Geduld üben wir seit März, durch dunkle Tage hindurch, durch die Einsamkeit, die wir alle erleben, hindurch meldet der Prophet sich mit Gottes Wort zurück:

… sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Ja, für irgendetwas ist das alles gut. Amen – es folgt das Glaubensbekenntnis.

Himmelfahrt, 21. Mai 2020

Wochenpsalm: Psalm 47,2–10 - Evangelium: Lukas 24,(44–49)50–53-

Predigttext: Johannes 17,20–26

Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war. Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Liebe Gemeinde,

Als ich Kind war, standen von den Stoßstangen der großen Lastwagen helle Stäbe mit weißen Kugeln auf der Spitzen ab. Wenn der Dieselmotor startete, dann wackelte die gefährlich hin und her. „Wozu braucht man die“, fragte ich meinen Vater. „Die zeigen dem Fahrer oben, wo der Wagen zu Ende ist. Ohne die, gibt es Beulen beim Rangieren. Wenn die genau hinsehen, können sie dicht daran fahren“, sagte er. Und dann sah ich diese Stäbe mit den weißen Kugeln überall. Aus Spaß fuhren die damit auch an den an den kleinsten Autos, „hey, ich bin auch ein Großer!“

„Peilstab“, ist der Fachbegriff. Ganz vergessen ist dieses heftige Hin- und Herschwingen der weißen Kugel. Aber die Sache mit dem „Ende“, und dem „ganz dicht dran“ die ist nicht vorbei. Es braucht einen Peilstab, um ganz dicht dran zu kommen, abzuladen, direkt ins Lager von der Rampe. Gerade am Himmelfahrtstag, an dem diese Erde endlich und der Himmel ewig ist und man leicht mal eine Beule in die Erde hineinfahren könnte, braucht man allen Spielraum. Auch den ganz kleinen Spielraum. Denn, wenn sich der Himmel hier schon mal anmeldet, dann möchte man dicht an ihn herankommen. Oftmals ist der Abstand geringer als ein Blatt Papier dick ist.

Als Christus den Himmel für uns herbeiholte, wurde der Spielraum begrenzt für die Erde. Jesus machte den Himmel zum Erlebnis, er sorgte für eine ungewöhnlich Nähe zwischen Gott und Mensch. Und irgendwann ist der Abstand nicht mehr mit bloßem Auge zu sehen. Dafür steht das Johannesevangelium. Johannes wählt dafür das Wort „Liebe“. Jesus sagt: „Dass du sie liebst, wie ich sie liebe“ und bittet in seinem Hohepriesterlichen Gebet, dass „die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen“. Dichter als durch diese Liebe kommt man nicht an den Himmel heran.

Liebe: Ein Notarzt erzählt von einem nächtlichen Einsatz. Er wird zu einer alten Frau gerufen. Atemnot. Als er kommt, sitzt sie aufrecht im Bett. Sie atmet schnell. Sie habe Lungenkrebs. Der werde behandelt. Die Behandlung schlage an. Nun hätte sie geträumt, „einen furchtbaren Albtraum“, in diesem Traum habe sie nicht mehr atmen können. Sie habe Angst vor dem nächsten Traum, fände keine Ruhe. Der Notarzt sagt, dass er da ein Rezept habe. Er geht in die Küche, er nimmt die Milch aus dem Kühlschrank, macht ein Glas Milch warm, tut Honig hinein, bringt es der alten Dame. „Damit schlafen sie gut“, sagt er, er weiß, das war eigentlich nicht seine Aufgabe und verlässt leise die Wohnung.

Im Johannesevangelium hören wir, wie Jesus an dieser Stelle zwischen Erde und Himmel betet. „Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind“. Und setzt einen Berührungspunkt, ohne dabei einen Blechschaden zu verursachen, aber er schafft Raum. „Auf dass sie eins werden“, dichter geht es nicht.

Himmel dicht bei: Für die Armen, die Reichen, die Hungernden, die Kranken, die Sterbenden, die Liebenden, die Kinder, die Alten. Das ist der Punkt, auf den ich peile, an dem die Leute nicht einfach hinten runterfallen, weil sie eben arm, alt, mit Risiko belastet sind. „Du brauchst Peilung“, sagten wir als Jugendliche.

Der Glaube, unser Leben ist so etwas wie ein Peilstab. Oben drauf, gut sichtbar eine weiße Kugel, der Glaube ist der Spielraum zwischen Christus im Himmel und uns in dieser Erdenzeit. Es setzt den Peilpunkt zwischen Himmel und Erde.

Heute piept es im Auto aus dem Bordcomputer. „Aufpassen“, weckt die Aufmerksamkeit: Achtung, da ist noch Spielraum, wenig, aber du rangierst dein Leben ganz dicht an den Himmel heran. Und wenn man dann genau hinsieht, dann ist da immer noch etwas Platz, um dichter dran zu kommen.

Das ist, was nicht nur ich seit Wochen noch einmal neu auslote. Spielraum für die Liebe: Wenn ich eine Maske über Mund und Nase trage, dann schütze ich nicht mich, sondern ich schütze die anderen. Es fühlt sich so an, als wäre es meine Maske, aber ich trage sie zum Schutz für die anderen, die mich überrascht ansehen. Vieles ist plötzlich umgekehrt. Daran will ich mich gewöhnen, dass da immer noch etwas Platz ist für Liebe und Einssein mit Christus und kein Blechschaden entsteht.

Himmelfahrtstag setzt einen Peilstab an diesen Punkt, markiert den Spielraum zwischen Erde und Himmel. Wer den anpeilt, verhindert Blechschaden und lotet den Glauben aus.

Rogate – betet! – Sonntag 10. Mai 2020

Wochenpsalm: Psalm 95 - Evangelium: Lukas 11,(1-4)5-13 - Predigttext: Matthäus 6,5-15

Jesus Christus spricht: Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.] Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Predigt: Liebe Gemeinde, Archäologen entdeckten vor einigen Jahren das Fundament eines Hauses. Die Fundstelle liegt am See Genezareth. Es könnte sich – so wurde sofort spekuliert – um das Haus des Petrus handeln. Auf Abbildungen sieht man Fundamente. Keine Räume, oftmals nur eine Art Keller. In diesen Häusern gab es nur einen abschließbaren Raum, der durch eine Tür von allen Räumen abgetrennt war: Die Speisekammer. Wo immer Archäologen Tonkrüge und Reste alter Behälter finden, vermuten sie die Speisekammer. Genau das wäre, folgt man dem Evangelium und nimmt man den ursprünglichen Wortlaut ernst, das berühmte „Kämmerlein“, dessen Tür ist zu schließen, um dort zu beten.

Und ich sehe mich hocken, auf dem Getränkekasten, zwischen Reis und Nudeln, die letzten Kartoffeln duften erdig und einige Gläser Tomatensoße und Marmelade sind noch da, die kühlen Wände riechen feucht. Die Vorräte beruhigen ungemein, es wird noch einige Zeit reichen. Ich habe die lange Galerie der „Weckgläser“ meiner Großmutter vor Augen, ihre Kartoffelkiste, aus der weiße Keime ans Licht dringen, und der Schinken am Haken unter der Decke baumeln, von dem sie sonntags etwas abschnitt. Das waren die Schätze, die Großvater und sie bewahrten, für schlechte Zeiten und die guten Zeiten sowieso.

Hier bete ich, hinter verschlossener Tür, mitten in den Vorräten, um das tägliche Brot und so viel anderes. Es ist, als könnte man aus der Vorratskammer auch andere, als die alt bekannten Vorräte hervorholen, die heißen: Dank, Vergebung, Heiligung. Vorräte, die ein Leben erinnern, das nicht nur einen Magen kennt. Ausgerechnet in der Vorratskammer kommt der ganze Lebensvorrat in den Blick. Es ist ein Ort, an dem leibliches Wohl und seelisches Wohl eng verbunden werden. Denn der Vater ist im Verborgenen, sieht in das Verborgene und wird dir’s hier, im Verborgenen vergelten.

Im Konfirmandenunterricht sollten wir auswendig lernen: Das Vaterunser, die 10 Gebote, Psalm 23, das Glaubensbekenntnis, alles damals Übliche. Und dann Paul Gerhards Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“. Das ganze Lied! Wir handelten unseren Pastor herunter. Jede und jeder von uns musste nur eine Strophe lernen. Und ich lernte „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür; wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.“ Ich musste aufstehen, ratterte den Text in der Prüfung herunter. Plumps saß ich wieder. Das war peinlich. Aber da war noch ein Vers in der Vorratskammer gelandet, es ist mir mit im Sinn. Da hält ein anderer, Jesus, sein Leben für mich hin. Das ist der Anfang des Glaubens, wenn da im Verborgenen so ein Schatz bevorratet wird.

Das Vaterunser hat Jesus selber zum Lebensvorrat gemacht. „Was wissen wir genau von Jesus?“, fragt eine Konfirmandin, es ging um Daten, Fakten, Echtes. „Es gibt Originalton mit Jesu Stimme“, antworteten wir, „das Vaterunser ist ein echter O-Töne Jesu.“ Es ist, als würde man ihm hier in persönlich begegnen. In tausende Sprachen ist es übersetzt. Heute beten sie es in Afrika und bitten um Brot und meinen mit Brot frisches Wasser. Und sie beten es in Syrien, sagen Brot und meinen Frieden. Und die Mutter betet für ihr Kind: Und die Kinder für ihre Eltern. Und immer, wenn jemand zu diesem Lebensvorrat greift, liegen die passenden Worte schon bereit. Man muss nicht suchen, man muss nicht immer neu darum ringen, um so ein „wie bringe ich es vor Gott?“ Jesu Worte sind präzise, sparsam und spannen den Lebensbogen weiter als ich sehen kann. Tag für Tag gehen diese Worte Jesu rund um die Welt in vermutlich allen Sprachen werden sie gebetet: Vater Unser; Our Father, pater hymon. Das Vaterunser ist knapp, nimmt mit wenig Worten die ganze Welt in den Blick.

Wenn das Herz schwer und der Kopf durcheinander ist, geht es in das Kämmerlein, Jesus legt sein Gebet bereit. Schlüssel ins Schloss stecken, öffnen, hinter mir zuzumachen nicht vergessen. Allein sein, tief durchatmen, sich seiner geistlichen Schätze versichern. Wir wissen, dass Viele von uns in diesen Wochen vor allem von solchen Vorräten zehren. Die, die sich – das können wir alle gut verstehen – noch nicht wieder zur Kirche trauen, die, die zu Recht besonders vorsichtig sind, zehren mit uns allen von verborgenen Schätzen.

Dann geht es wieder hinaus aus dem Kämmerlein, Tür aufschließen, nicht vergessen, das Licht da unten zu löschen. Treppe hoch gehen, wieder im Alltag ankommen. Es ist doch kaum zu verstehen, dass Gott in dieses Verborgene sieht und in ihm selber ist. Der Geruch der Kartoffeln hängt noch länger in der Nase, die Nudeln und der Reis beruhigen einen, wenn man nur daran denkt: Es ist noch etwas da. Und dann ist da auch das Beten an diesem Ort bewahrt: Im Verborgenen, bei dem Gott, der selbst im Verborgenen ist. Offenbar sorgt Gott für solchen Vorrat, von dem wir beständig zehren. Amen. (es folgt das Glaubensbekenntnis.)

Kantate – singet! – Sonntag 10. Mai 2020

Wochenpsalm: Psalm 98 - Evangelium: Lukas 19,37-40 - Predigttext: 2. Chronik 5,2–5+12–14

Predigt: Liebe Gemeinde,  

es gibt Rätsel, die sind wie eine Nuss, die muss man knacken. Dazu braucht es Grips, Augenmaß, Wissen und Kraft. Kreuzworträtsel, irgendwann hat man es raus. Sudoku, man kann es lösen. Viele Rätsel hat die Wissenschaft entschlüsselt.  

Es gibt Geheimnisse, die entziehen sich dem Zugriff. Es wäre müßig, Geheimnisse enträtseln zu wollen. Wer wollte die Liebe entschlüsseln, oder dieses Band, das uns mit unserer Mutter verbindet, beschreiben. Das bleibt alles geheimnisvoll. Ein Geheimnis zu wahren, ist eine kostbares Gut. Vor allem unser Glaube bleibt - im ursprünglichen Wortsinn – voller Geheimnisse. Davon spricht der heutige Predigttext:  

Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.

Und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes. (2. Chronik 5,2–5+12–14)

Und wir sitzen jetzt draußen, vor unserer Kirche. Das ist schon mehr als wir bisher hatten, bis vor einer Woche saßen wir Zuhause. Wir warten, dass wir wieder hineinkönnen in unsere Kirchen. Wir warten seit acht Wochen. Sieben Jahre mussten sie in Jerusalem warten, bis Salomos Tempel eingeweiht wurde. Sieben lange Jahre…., die Zeit zog sich. Wie so oft: Warten auf Frieden, warten auf Freiheit, hoffen auf ein besseres Morgen, wenigstens für die Kinder, das kennen wir. Und dieses Warten-Müssen ist in den Glauben – das muss ich ungeduldiger Mensch mir klar machen –eingewoben. Alle leben mit der noch nicht erfüllten Sehnsucht nach einem Mehr. Wir leben mit dem Warten auf Gottes Reich.  

Es liegt heute etwas vom Advent in der Luft. Warten auf andere Zeiten, auf bessere Zeiten. Das ist nicht einfach ein Herumsitzen, sondern vom Hoffen und Beten und Bekennen, erfüllte Zeit. Und wir wissen genau, wie es drinnen, in unserer Kirche, aussieht, wie es riecht, wie die Blumen und Kerzen auf dem Altar stehen. Wir wissen auch viel vom Reich Gottes. Dieses Warten führt an dieses Geheimnis heran, dass der Glaube für uns bereithält. Warten ist voller Hoffnung. Und es war Jesus, der uns die Wartezeit angefüllt hat: Mit Rücksicht, mit Nächstenliebe, mit der Sorge für die Schwachen, zur Pflege des kostbaren Friedens, zur Bewahrung unserer Schöpfung.

II.

Dann geht es hinein in den Tempel. Die Tore bewegen sich, schwingen in beide Richtungen auseinander. Es ist alles prächtig. Die Bundeslade, die Stiftshütte, alles, was von Gottes Nähe zeugt, wird vorangetragen. Die Leviten, die Priester folgen, dazu Musik und Gesang: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“. Das ist die Grundmelodie, ein jüdisch-christliches Grundgeheimnis. „Gütig und barmherzig“ viel mehr gibt es von Gott nicht zu sagen. Eigentlich, dass es anders sein könnte und auch anders erlebt wird, das steht jetzt, als alle singen und beten, nicht zur Debatte.  

Dass Gott sich auch zurückziehen kann, sich sogar abwenden könnte, das wissen wir alle. Es gibt den Moment, in dem man sich von Gott verlassen fühlt. Wenn wir dann denken, er zeige uns die kalte Schulter, dann ist es immerhin noch Gottes kalte Schulter. Martin Luther unterschied den offenbaren Gott und den verborgenen Gott. Das hatte er in Jesus am Kreuz und in der Verzweiflung erkannt. Aber auch da, der verbogene Gott ist, ist immer noch Gott. Ganz verlassen, das kannte Luther nur als letzte und tiefste Angst, aber nicht im Glauben. Und wir auch nicht, sonst säßen wir nicht hier.

III.

Jetzt aber: Die lange Wartezeit ist vergessen. Das ist das Geheimnis des Glaubens, in all diesem Warten, Harren, Verzweifeln, Suchen, geschieht etwas, das dem Glauben dient. Seit Jesu Auferstehung wartet der Kosmos auf Erlösung. Man kann das Heute manchmal nur ertragen, weil da eine Vorstellung ist, von dem, was kommen wird. Beispiel: Ein alter Mann erklärte, er habe im Krieg vor 75 Jahren nur überleben können, weil er wusste, das es wieder Frieden geben werde. Und als im Mai 45 die Waffen schwiegen, konnte er seinen Ohren nicht trauen, so still war es und in dieser Stille war das Geheimnis des Friedens für ihn aufbewahrt. Beispiel zum Muttertag: Eine Mutter sagte, sie habe alle Schmerzen unter der Geburt nur ertragen, weil sie an ihr Kind dachte.  

Es dürfte niemanden überrascht haben, dass dann eine Wolke den Tempel erfüllte. So war Gott mit seinem Volk durch die Wüste gezogen: In einer Wolke. Als wollte er sich in seinem Geheimnis gut verhüllen. Und die Herrlichkeit Gottes war in dieser Wolke so stark, dass viele Menschen das Betreten der Tempelruine in Jerusalem bis heute vermeiden. Die Herrlichkeit Gottes verträgt keine Fußtritte, denken sie, denken wir. Herrlichkeit Gottes: Das ist kein Rätsel, das man mit wenigen Worten löse, oder wie eine Nuss knacken kann. Es bleibt geheimnisvoll. Und doch schwebt dieser Gesang über allem. „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“, das verstummt nicht. Es ist eben kein Rätsel, das sich lösen ließe, sondern ein Geheimnis, das immer wertvoller wird. Darin liegt das Geheimnis Gottes, in seiner Barmherzigkeit. Die Priester stocken, die Leviten gehen nicht weiter, aber das Singen verstummt nicht. Bis heute nicht, und dann wird es zum Bekenntnis, das wir alle sprechen. (es folgt das Glaubensbekenntnis.)


Fürbitte:  

Herr, du bist gütig, und deine Barmherzigkeit währt ewig, so beten wir zu dir: behüte alle Mütter und auch die Väter, dass sie ihre Kinder mit Geduld, voller Dank und Ehrfurcht erziehen.  

Herr, erbarme dich.    

Herr, du bist gütig, und deine Barmherzigkeit währt ewig, so beten wir zu dir: lege Frieden in die Herzen von uns Menschen, hier, in Idlib, in Syrien und im Jemen, dass Frieden werde. 

Herr, erbarme dich.

Herr, du bist gütig, und deine Barmherzigkeit währt ewig, so beten wir zu dir: Für unsere Landwirtschaft, bewahre die Saat und die keimenden Pflanzen zur Ernte.  

Gott, erbarme dich.  

Herr, du bist gütig, und deine Barmherzigkeit währt ewig, so beten wir zu dir: Für die Infizierten und all die Kranken, hilf ihnen auf dem Weg zur Genesung.  

Gott, erbarme dich.  

Herr, du bist gütig, und deine Barmherzigkeit währt ewig, so beten wir zu dir: für uns alle, die wir unsere Rücksicht üben und das Warten, stärke uns in der Geduld.  

Herr, erbarme dich.


Jubilate – Sonntag 3. Mai 2020

Kyrie-Gebet:

Wir staunen über die Pracht dieses Frühlings, das tiefe Gelb auf den Rapsfeldern, das Summen der Bienen, das Wachsen des Getreides. Doch wir wissen, deine Schöpfung will bewahrt werden, die Erde, das Wasser, die Luft klagen ihr Leid. Darum bitten wir: Herr, erbarme dich, bleibe unser Schöpfer.

Wir lieben die Menschen, die uns umgeben. Doch wir erschrecken, es ist so viel Leid, das in dieser Welt regiert, Wunden stehen offen und warten auf Heilung. Jeder Schrei, jede Träne, jedes Verstummen beklagt das Leid. Darum bitten wir: Christus, erbarme dich, sei unser Versöhner.

Wir wissen um die Gemeinschaft, die uns trägt. Doch wir sehen, manches ist rissig, gibt sich unversöhnlich, bleibt bei sich, verfehlt den anderen. Jedes Zerwürfnis, jeder Streit, jedes Geschrei klagt über solches Leid. Darum bitten wir, Heiliger Geist, erbarme dich, sei unser Erlöser. Amen.

Du Gott bist ein Gott des Jubels, du bist ein Gott der Stärke. Gib uns davon, jetzt, in dieser Stunde und in aller Zeit. Amen


Wochenpsalm: Psalm 66,1-9

Evangelium und Predigttext:

Christus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger. Johannes 15,1-8

Predigt:

Liebe Gemeinde, die Ameise gilt als das stärkste Tier. Sie kann ein Vielfaches ihres eigenen Körpergewichtes tragen. Der Weinstock gilt als eine der stärksten Pflanzen. Wie ein kleines Wasserwerk zieht er mit seinen verzweigten Wurzeln sein Wasser aus über 20 Metern. Er tut das mit solcher Kraft, dass ein fehlerhaft beschnittener Stock wie ein Wasserhahn Tag und Nacht tropft. Wein kann aus der falsch gesetzten Schnittwunde heraus sogar verbluten.

Im Mai ist der Schnitt vorbei, die vielen kleinen Haufen Totholz, die am Rande des Weinberges lagen, sind schon lange verbrannt. Im Mai grünt der Weinstock, er schlägt aus, setzt Kraft frei. Dieses „Wasserwerk Gottes“ befördert mit hohem Druck aus der Tiefe, es versorgt die jungen Sprossen am Fruchtholz mit Wasser, Mineralien, Spurenelementen. Oberflächenwasser hilft im Weinberg nur kurzfristig, die tief gelegenen Speicher dienen dem Wachstum und geben der Traube Aroma.

So ist das auch mit uns. In einem vergleichbaren Sinn ziehen wir unsere Lebenskraft aus einer, den Blicken verborgenen, unter der sichtbaren Oberfläche gelegenen Quelle. Fein verzweigt ist das Wurzelwerk, auf dem der Glaube wächst, angereichert mit Worten, Trost, Weisung aus der Bibel. Kraftvoll ist dieses Wurzelwerk, aus dem Glaube wächst. Das haben viele von uns eindrucksvoll erlebt, gerade auch in den vergangenen Wochen.

Da sind die Kinder, zuerst die Kinder. Plötzlich hatten sie – so anders als sonst – tatsächlich Sehnsucht nach der Schule. Wer hätte das gedacht? … Wir haben alle gemerkt wie wichtig das ist: Schule, Unterricht, Freundschaften, spielen können, Pausen, die Lehrerinnen und Lehrer. Dass wir etwas lernen dürfen, ist für uns alle, auch die Erwachsenen, ein Kraftwerk zum Überleben. Lernen ist nie zu Ende. Und plötzlich war das für euch Kinder vorbei. Und dann blieb auch noch jede und jeder für sich allein. Wohl denen, die jetzt Geschwister haben. Aber die Wurzel, die „Vertrauen“ heißt und „Rücksicht“ und „Acht geben auf andere“ treibt seit Wochen erste Früchte.

Die Junge Gemeinde bietet den Alten Hilfe an. Und die Alten brauchen diese Hilfe aber nicht, weil ihre Familien und die Nachbarschaft sich offensichtlich kümmern. Und im Briefkasten am Pfarrhaus lag Material für Masken. Und wir bringen das Material zu den Frauen, die nähen. Jede Hilfsbereitschaft, jede Rücksicht zieht ihre Nahrung aus dem Gebot der Nächstenliebe. Jesus ist die Kraftader. Und dieser wilde Spross „alles muss genau so sein, wie ich es haben will“, dieses „alles muss wieder so werden, wie es mal war“ ist verdorrt und abgestorben. In aller Unsicherheit habt Ihr Kinder und die Jungen hoffentlich eine Kraft gespürt, die in euch beständig wächst.

Da sind wir, die Erwachsenen, plötzlich ohne all das, was dem Leben Halt gibt. Beruf, dieses Selbstverständliche, die Begegnung draußen, die Sicherheit in der Nähe, dieses tiefe Vertrauen, dass einem nichts passieren kann, alles passte nicht mehr zusammen. Einige, wir kennen sie auch, stehen ohne Einnahmen da. Manche wachen morgens auf und denken, das wäre nur ein schlechter Traum gewesen. Und die Enkel winken noch immer vor dem Fenster. Ich sitze bei den Älteren aus unserer Gemeinde im Garten. Und dann beten wir, oft. Und einmal beten wir das Vaterunser und unsere Stimmen werden so kräftig, dass ein lautes „Amen“ über die Hecke der Nachbarn kommt. Das klang einvernehmlich. In unserem Glauben wächst Trost. Der wird aus einer Tiefe gespeist, die niemand wirklich ausloten kann. Glaube ist aber voll der reichen Erfahrungen mit Jesus und seinen Heil.

Viele vor uns haben das in Notzeiten schon erlebt. Wir nun auch. Selten in meinem Leben war sich die Menschheit so nah wie jetzt. Selten haben so viele Menschen weltweit so intensiv an ihrer Rücksicht geübt, wie in den vergangenen Wochen. Weltweit: In den Kirchen, in den Religionen, auch zwischen zerstrittenen Nationen. Die Sorgen verbinden. Die Kraft aber, mit Sorgen zu leben, sie auch zu überwinden, wird gespeist aus einer uralten Quelle. „Wo kommt meine Zuversicht her?“, fragte jemand. „Aus der Wurzel, auf der alles wächst,“ sage ich und wir sprechen vom Glauben an Jesus Christus.

Glaube ist das Kraftwerk Gottes. Vieles, womit wir uns befassen, ist nur Oberfläche. Ist es so wichtig, dass man die Hände schüttelt? Es ist nicht so wichtig, dass man sich umarmt. Und ist es vielleicht auch kein Schade, wenn wir in unseren Kirchen eine Zeit lang nicht singen? Das Kraftwerk Gottes, lehrt uns auch das Verzichten, dieses Zurücktreten um des anderen Menschen willen. Endlich geht es einmal nicht um „Ich“, „Ich“, „Ich“. Wir müssen Acht geben auf die Kraftquellen, die uns stärken, Acht geben und bemerken, welche Kräfte in uns gestärkt werden.

Wenn Jesus Christus sagt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“, dann sagt er auch: „Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg.“ Und ich bin heute froh, dass jetzt im Mai nicht mehr beschnitten wird, nun wird die Hauptrebe wachsen. Denn wir spüren, Kraft schießt mit dem Glauben in das Leben. Und wir gleichen solcher Pflanze, die aus den tiefen Schichten, in die der Glaube vordringt, empfängt. Manchmal denken wir zu gering von uns, trauen uns viel zu wenig zu. Christus denkt groß von uns, er ist das Kraftwerk, „dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger“. Wir spüren diese Kraft.

Die Ameise gilt als das kräftigste Tier. Sie kann ein Vielfaches ihres Körpergewichtes tragen. Der Weinstock zählt zu den großen Kraftwerken der Schöpfung, Christus ist das Kraftwerk für die Liebe, darum bekennen wir unseren Glauben. Amen – (es folgt das Glaubensbekenntnis.)


Fürbitte:

Du bist der Weinstock, wir sind die Reben.
Du gibst uns Kraft, wir sind es, die nehmen.
Wir bitten für die Kinder,
stärke sie in dieser Zeit.

Gott, erbarme dich.

Du bist der Weinstock, wir sind die Reben.
Du gibst uns Kraft, wir sind es, die nehmen.
Wir bitten für die Mutlosen,
trage sie durch diese Zeit.

Gott, erbarme dich.

Du bist der Weinstock, wir sind die Reben.
Du gibst uns Kraft, wir sind es, die nehmen.
Wir bitten für die, die Dienst tun, in Staat und Kirche, Medien und Verwaltung
schärfe uns in der Verantwortung.

Gott, erbarme dich.

Du bist der Weinstock, wir sind die Reben.
Du gibst uns Kraft, wir sind es, die nehmen.
Wir bitten für die, die in der Pflege, den Arztpraxen, Kliniken Dienst tun,
kräftige sie beständig neu für ihre Arbeit.

Gott, erbarme dich.

Du bist der Weinstock, wir sind die Reben.
Du gibst uns Kraft, wir sind es, die nehmen.
Wir bitten für uns und unsere Familien, für die Kranken und die Sterbenden, bewahre sie, dass wir aus deinem Wort Kraft empfangen.

Gott, erbarme dich.

Du bist der Weinstock, wir sind die Reben.
Du gibst uns Kraft, wir sind es, die nehmen.
Wir bitten für die Einsamen,
stelle ihnen Menschen an die Seite.

Gott, erbarme dich.



Miserikordias Domini, 26. April 2020

Evangelium: Johannes 20,19–20(21–23)24–29

Predigttext: Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen. 1. Petr 2,21b–25

Predigt: Liebe Gemeinde, im März saßen wir beim Frühstück. Im Viertelstunden Takt kamen die Nachrichten, eine schwerer als die andere. Wir saßen bedrückt auf den Stühlen, schwiegen und grübelten, jeder hing für sich seinen Gedanken nach, rührte stumm im Kaffee. Sorgen lagen überall bereit. Wen möchte ich anrufen? Hoffentlich bleiben alle gesund? Wer könnte denn nun mal bei mir anrufen? Habe ich vorgesorgt? Viele von uns hatten und haben solche schweren Gedanken. Wenn solche Gedanken ziellos herumirren, fehlt ihnen der Hirte. Wir gleichen in manchem den irrenden Schafen, von denen auch der Petrusbrief weiß.

„Lasst uns Musik hören“, beschlossen wir eines Morgens. Die Dauer-Nachrichten pausieren. Mit Harry Belafonte hatten wir schon im Advent begonnen, wir mögen seine Weihnachtslieder. Wir holten die anderen CDs von ihm heraus. „Turn the world around“, klingt durch die Küche, karibische Instrumente, Anleihen an die Spirituals, Rhythmen und Melodien bleiben in den Ohren hängen. Dann folgt Aretha Franklin mit mehr Musik des schwarzen Amerikas. Fromm ist sie, beherzt vom Glauben. In dieser Musik liegt so viel Zuversicht, unverwüstlich ist sie, in Noten und Rhythmen eingefangen. Der Glaube klingt in dieser Musik durch jeden Ton hindurch und in jedem Rhythmus mit. Dieser Glaube sieht Jesus und den Menschen am Kreuz, dieser Glaube begehrt auf gegen das, was gerade Realität am Kreuz ist. Gegen Sünden, gegen den Tod, gegen das Unrecht tritt der Glaube an. Und während wir die Musik hören, gewinnen die Gedanken neuen Spielraum und winden sich aus dieser trüben Morgenstimmung heraus. Und wir sind uns sicher, ohne Musik wären wir arm.

II.

Jede Zuversicht, die wir empfinden, wurzelt im tiefsten Sinn in Jesus Christus. Wenn man eine Herleitung aller Zuversicht, die es in unseren Herzen gibt, schreiben wollte, dann würde die Zuversicht mitten im Leben Jesu beginnen. Denn Jesus ist der Wurzelgrund, aus dem heraus neues Leben wächst. Er schafft Raum und Abstand zu all dem Bleischweren. So lese ich die Bibel: Überall wird erzählt, wie er unsere Sünden „hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz“. Jesus heilt Menschen. Jesus weiß, wie das Reich der Himmel aussieht. Er deckt den Tisch für die kleinen und großen Betrüger, holt den Ganoven in sein Reich und schafft Freiheit den Gefangenen. Jesus hält den Tod auf Abstand. Alles, was wir von ihm wissen, dient dem Leben.

Jede und jeder muss im Moment aufpassen, sich die Zuversicht zu bewahren. Nicht stumpf werden, ist die Parole. Wenn die Nachrichten über den Frühstückstisch dudeln und WhatsApp und Twitter einem Neues vor die Füße sprudeln, dann braucht man mehr als gute Nerven. Da vergleicht jemand die vielen tausend Toten der Grippewellen vergangener Jahrzehnte mit den 100.000 Toten, die seit März als „Übersterblichkeit“ in Europa die Statistik über die Maßen belasten. 100.000 Sterbefälle mehr, das kann man nur als schweren Notstand beklagen. 100.000 Mal Not, Trauer, Abschied sind in jedem Fall 100.000 Mal zu viel. Nicht ein einziger Sterbefall, der durch Vernunft zu verhindern gewesen wäre, ist „normal“. Überall in Europa wird geweint. Die Welt ist in Angst.

Irgendwer sagt über einen jung verstorbenen Mann, „der wäre ja sowieso gestorben“, murmelt etwas von „Vorerkrankung“ und kennt den nicht einmal, weiß nicht wie kerngesund der war. So zu reden ist das Gegenteil von Zuversicht. Zuversicht braucht Mitleid. Dafür steht das Kreuz Christi. Mitleid und Rücksicht sind die Fußstapfen Jesu, in die treten wir ein. Dafür steht das Kreuz Christi. Nicht für das kalte Gerede über kalkulierbare Grippe-Wellen, die wir seit Jahren sowieso ertragen, die ja auch viel schlimmer seien. Und vor allem zeigt mancher Vergleich Mangel an Mitleid. Es wird düster, wenn jemand sagt, „die Alten sind ja sowieso dran“ und deren Recht auf Leben und Behandlung dann auch noch in Frage stellt.

Wir hören vom Kreuz Christi, davon, dass unsere Sünden dort durch ihn für uns abgestorben sind. Dieses Kreuz markiert den Mittelpunkt allen Mitleides. Danach klingt auch der neue Rhythmus, die neue Melodie, die aus dem Radio tönt, das ist der Sound des Glaubens.

Und schon verändert sich die Stimmung. Wir sehen noch auf die Einschränkungen und Petrus öffnet die Augen für Christus der ist das Vorbild. Wir sehen, was im Moment nicht geht: Hochzeiten in unserer Kirche sind nun fast alle abgesagt. Schulen dicht, Hotels zu, Konfirmationen verschoben und Petrus zeigt: Der Glaube an Jesus Christus ist die große, die erwachsen gewordene Schwester jeder Zuversicht.

III.

Petrus wendet sich hier den Sklaven in der Gemeinde zu. Christus sei in seinem Leid, ihr, der Sklaven Vorbild. Dass ein Autor der Bibel die Sklaverei nicht verdammt, bleibt natürlich ein Skandal. Dass Petrus aber Christus selbst in der Rolle des Sklaven sieht, hilft. Und so beginnt auch der Weg aus der Sklaverei heraus: Mitten in dieser Gefangenschaft, die wir erleiden, mitten in einer Krise, die viele Menschen mit uns ertragen. Denn wir tragen alle an den Sorgen, die sich auf die Seele setzen.

Harry Belafonte stimmt auf einer alten Aufnahme den Spiritual „Amen“ an, in dem wird Strophe für Strophe das Leben Jesu erzählt, immer mehr Sängerinnen und Sänger treten auf die Bühne kommen hinzu. Als der Chor am größten ist, heißt es: „Yes, He died to save us / And He rose on Easter, / Now He lives forever!“ Und bei diesem „Ja, er starb uns zu retten“, singen alle im Saal mit. Und das „Amen“ wogt wie eine Welle durch die Musik. So wächst die Zuversicht, dass wir diese Welle spüren und uns tragen lassen in einen Raum, der größer ist als das Gefängnis, das die immer gleichen und nie erlösenden Nachrichten um uns legen. Amen.

Sonntag Quasimodogeniti, 19. April 2020

Predigttext: Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. Jesaja 40,26-31

Predigt: Liebe Gemeinde, die Vorhänge waren seit Tagen geschlossen. Niemand traute sich, das Tageslicht herein zu lassen. Er würde sterben, der Großvater. Altersschwach, Herz schwach, voller Sehnsucht nach seiner Frau. Die war vor einem Jahr gestorben. „Ich will zu ihr“, sagte er. Sie sahen, das Essen, der Kuchen, selbst der Kaffee vom Nachmittag stand kalt auf dem Nachttisch. Er wollte nicht. Dann trank er nichts mehr.

„Es ist Morgen“, rief die junge Pflegekraft ins Zimmer. Ihre Stimme klang unbeschwert. Mit Schwung öffnete sie die Vorhänge, das Sonnenlicht fiel hinein. Staubkörner tanzten im Licht. „Frische Luft“, klang wie ein Kommando. Der Fensterflügel flog beiseite. Sie stopfte die Bettdecke fest um ihn. Die frische Luft des Frühlings flutete das kleine Zimmer. Sie holte das Rasierzeug.

„Die junge Kollegin ist zum ersten Mal hier, sie hat alles richtig gemacht“, hieß es, als die Kinder nachmittags kamen. Es sei auch nicht „Sterbezimmer“ an der Tür geschrieben. Die Familie war überrascht. Der alte Großvater saß nachmittags auf der Bettkante, er nippte am Kaffee, seine Füße steckten in Sandalen. Er wolle nun „mal ein Stückchen laufen“, teilte er ihnen mit. Er sagte, die Sonne hätte schon wieder Kraft. Im Frühling hätten sie das doch immer so gemacht. Sie gingen bis an das Fenster und wieder zurück. Der Tod war unsanft beiseitegeschoben.

II.

Manchmal zieht eine beherzte Hand den Vorhang auf. Dann fließen Licht und Luft ins Zimmer und in das ganze Leben hinein. Die Müden kriegen neue Kraft und spüren Stärke. Die Matten bemerken, wie ihre Muskeln sich ganz langsam wieder anspannen wollen. Die Traurigen fragen nach dem Grund ihrer Trauer und erinnern kaum noch deren Anfang. Urplötzlich wird Ballast, den man mit sich trägt, federleicht und wippt einem ohne Gewicht leicht auf den Schultern.

Als die Lutherbibel für die Neuausgabe für 2017 durchgesehen wurde, unternahmen die Expertinnen und Experten einen Vergleich zwischen den bisherigen Übersetzungen. Die Verben „harren“ und „kriegen“ im Jesaja Buch wirkten leicht angestaubt. Vielleicht sollte man sie ersetzen. Es stand in alten Lutherbibeln schon einmal statt „harren“ das Wort „hoffen“ und statt „kriegen neue Kraft“, hieß es in der Einheitsübersetzung vor Jahren, sie „schöpfen neue Kraft“. In der Züricher Bibel steht jetzt, sie „empfangen neue Kraft“. Dann aber wählte man, trotz plausibler Alternativen, Luthers ursprünglichen Wortlaut „die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft“. Begründung, es dürfe in den Verben keine Aktivität auf der Seite des Menschen vorausgesetzt werden. „Harren“ und „kriegen“ öffneten dem Passiv und der Überzeugung des Reformators den größten Raum. Luther war davon überzeugt, dass alles, was an Heil geschieht, von Gott kommt. Ohne menschliches Zutun. Mit Luther selbst gesagt „das ist die christliche Freiheit, … dass wir keines Werkes bedürfen, um Gerechtigkeit und Seligkeit zu erlangen.“ Oder: Mensch tut nichts, Gott macht alles.

Licht hereinlassen, frische Luft in die Lunge, neuen Mut in der Seele, Hoffnung, die Freiheit, auch die Freiheit, sich selbst zu begrenzen, alles „kriegen“ wir.

Viele Erlebnisse aus den vergangenen Wochen bestätigen dieses „kriegen“ der neuen Kraft. Es ist vieles sehr bedrückend. Kindern wird es zu eng in der Wohnung, sie sehnen sich zurück in den Alltag. Alte leben einsam in einem Zimmer, sie träumen von Besuch. Erwachsene liegen nachts wach, rechnen nach, wie lange es noch gut geht bei der jetzigen Auftragslage, den Krediten, den Pflichten. Mir fehlen die Gottesdienste und das gemeinsame Gebet. „Wie geht es weiter?“, immer wieder diese eine Frage. Und die Antwort „Schritt für Schritt“ ist nur halb richtig. „Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt … Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden“, klingt kraftvoll. So zieht Gott den Vorhang auf, lässt Luft herein.

Ein Kind fragte: „Warum greift Gott nicht ein?“, berechtigte Frage. Die Gegenfrage liegt auf der Hand „Warum ist es uns Menschen nicht gelungen, diese Pandemie vor deren Ausbruch zu stoppen?“ Trotzdem fragt es weiter „Warum greift Gott nicht ein?“ Antwort ohne Gegenfrage: Gott greift ein, täglich. Er macht uns vorsichtig. Er macht uns oft auch viel zu egoistischen Menschen, solche Menschen, die aufeinander achten. Gott bewahrt uns den Mut, hält die Verzweiflung fern. Gott greift ein durch das Gebot, den Nächsten genauso zu lieben, wie sich selbst. Gott tröstet, wenn wir beten, Gott gibt Kraft, den Kindern, den Alten, den Sterbenden, uns allen.

In Donauwörth stellte die Polizei fest, dass es den Menschen schwer fiel, in den Wohnungen und Häusern zu bleiben. Da griffen die Polizisten zu ungewöhnlichen Mittel. Sie ließen ein Lied durch die Lautsprecher der Streifenwagen laufen: „Zusammenhalten“ sang Max Prosa mit Gitarre und Mundharmonika über die Straßen. „Es kommen wieder Zeiten, da werden wir tanzen, da werden wir fliegen. Es kommen wieder Zeiten, da werden wir uns für nichts auf der Welt verbiegen. … Doch für diese Zeiten, in denen wir uns, wie wir sind, entfalten, müssen wir jetzt zusammenhalten. Müssen wir jetzt still sein und zusammenhalten“. Und die Menschen verstanden „jetzt zusammenhalten“ und summten das Lied weiter und blieben endlich in ihren Wohnungen. Und die Stimme und das Lied des jungen Sängers wurde über Nacht bekannt.

„Warum greift Gott nicht ein?“ Er greift ein. Wir halten unsere Augen offen und bemühen uns, die Spuren, die sein Wirken durch diese Tage zieht, zu erkennen. Der Vorhang ist aufgezogen. Das Licht des Frühlings fällt in unser Leben und Ostern sorgt für Sicherheit.

III.

„Hebt eure Augen in die Höhe und seht!“ Als der Profet Jesaja nach einem längeren Schweigen seine Stimme wieder neu erhebt, ist Israel in Gefangenschaft geraten. Fern von Jerusalem, fern ihrer Heimat hat sich ein grauer Schleier über den Glauben gelegt. Israel erlebte eine bisher unbekannte Isolation, in der selbst der stärkste Glaube matt wird. Und genau in diesem Moment vernehmen sie Gottes Stimme, „die auf den Herren hatten, kriegen neue Kraft“. Das ist jüdisch-christliches Erbe, wenn in den schwachen Zeiten Gott den Vorhang beiseiteschiebt und sein Wort für Licht und frische Luft im Leben sorgt.

Eines Tages kam der alte Großvater von seinem Spaziergang zurück, er legte sich in sein Bett. Da kam die junge Schwester, die ihm mittlerweile ans Herz gewachsen war. Mit beherztem Griff schloss sie den Vorhang des Fensters. „Bitte einen Spalt offenlassen“, bat der Alte, „dann scheint morgen schon um 6 Uhr die Sonne herein.“ Amen.

Predigt zum Osterfest 2020, 12. April 2020

Evangelium am Ostersonntag: Markusevangelium 16,1-8

Predigttext: Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt. Denn er muss herrschen, bis Gott »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat« (Psalm 110,1). Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Denn »alles hat er unter seine Füße getan« (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem. 1. Korintherbrief 15,19-28

Predigt: Liebe Gemeinde, „Ich gehe jetzt Gott malen!“, sagte die vierjährige Enkeltochter eines bekannten Malers. Der Großvater fand das Vorhaben übermütig. Wie sollte ein Kindergartenkind ohne wesentliche Vorkenntnisse ein Bild von Gott malen. Nach 10 Minuten kam die Kleine zurück. In der Hand ihr Bild von Gott. Ein Mensch, ein Kreuz im Hintergrund, füllt die Bildmitte aus. Der Mensch ist schwarz, ein Leib umgeben von einer hell-gelben Hülle. Das Kreuz in Grün, ein Regenbogen drumherum. Am Himmel eine Wolke mit lächelndem Gesicht. Dem Großvater stockt der Atem. Er hat mir das Bild gezeigt.

Ich sehe den Thron Gottes, dieses „alles in allem“ hat in der Kinderfantasie offenbar einen Ort bevor davon die Rede war. Und ich erkenne mitten in dem Bild Adam und Christus. Beide, Adam und Christus scheinen in einer Gestalt zusammengefasst. Schwarz ist der alte Leib des alten Menschen und das Gelb, es soll vielleicht Gold sein, deutet auf den Erstling Christus, von dem Paulus spricht. Adam, in der Farbe der Erde, hat die Welt mit dem Tod infiziert. Christus, wie eine helle Gestalt, umfängt diesen sterblichen Leib und bringt die Auferstehung ins Bild hinein. Der eine geht unter, der andere ist auferstanden. Vielleicht haben die Eltern das mal so erklärt: Der Körper kommt ins Grab, die Seele geht in den Himmel. Aber Kinder mögen das Leben nicht trennen, halten beides zusammen, den Leib und die Seele. Wie ein Stapelbild fügt sich hier Alt und Neu, Karfreitag und Ostern übereinander. Wie so oft im Leben, wenn sich über das, was einen nach unten zieht, etwas Neues legt. Und das Neue ist stärker. Wie der Frühling sich über der grauen Landschaft ausbreitet, oder junge, werdende Eltern sich auf die Geburt ihres Kindes freuen und die ganze Familie sich mitfreut bildet sich in dem, was jetzt ist, das Neue ab.

Und dann sehe ich auf dem Kinderbild das Lächeln in dem Gesicht. Ich weiß, Kinder malen nur lächelnde Gesichter, das ist normal. Das Grimmige kommt später. Adam lächelt also, ist freundlich, als könnte ihm nun nichts mehr geschehen. Das ist dann die Erlösung, wenn selbst der Schuldige die Freiheit bekommt, sich über die Erlösung, die ihm widerfährt, zu freuen. „So werden in Christus alle lebendig gemacht werden“, kein Wunder, dass Adam lächelt. Es wäre eher verwunderlich, wenn der Schmerz Oberhand gewinnen würde. Es dürfte niemanden überraschen, wenn alle von uns Christen mehr Hoffnung erwarten als von anderen Menschen.

„Ich gehe jetzt Gott malen!“, es braucht kindlichen Übermut, sich auf dieses Wagnis einzulassen. Aber Ostern lebt auch in uns Erwachsenen von einer Portion Wagemut. Es lebt auch von einem Lächeln, dieses Fest zaubert es einem auf das Gesicht und in die Seele. Es lebt von der Freude an diesem Leben, den fetten Knospen, die an den alten Kastanien bald aufplatzen, von dem frischen Grün, das im Wintergetreide aufsteigt, von dem erdigen Duft der Äcker, die frisch eingesät worden sind. Ostern lebt davon, dass wir nicht im Heute hängen bleiben. Das wäre für dieses Fest eine große Gefahr.

Wenn um einen herum vieles schwarz und düster wirkt und es vielen von uns auch um die Seele dunkel wird, dann kann man es machen, wie dieses vierjährige Kind, man versucht die Auferstehung zu erkennen, die der Glauben mindestens in Gelb, wenn nicht sogar in Gold, in das Dunkle hineingemalt hat.

Gott malen am Osterfest, das zeigt uralte Bilder und neue Schreckensszenarien, die überzeichnet werden durch die Hoffnung. Denn Christus hat seine Gemeinde mit der Hoffnung versorgt, die nicht mehr nur zum schwarzen Stift greift. Weil sie mehr sieht als nur den dunklen Adam und den sterbenden Christus am Kreuz. Manchmal braucht es einen unbedarften Kinderblick, um das alles zu erkennen. Hoffnung hebt sich deutlich ab von dem, was man sowieso schon immer sehen, hören, anfassen kann.

II.

Deshalb wendet Paulus alle erdenkliche Sorgfalt auf, in der zweifelnden Gemeinde den Glauben an die Auferstehung Jesu zu stärken. Schritt für Schritt führt er von dem einen Menschen, durch den der Tod gekommen ist, zu Jesu Auferstehung. Von diesem Patienten Null, der den Tod überhaupt erst eingeführt und uns alle infiziert hat, von Adam, lenkt Paulus Schritt für Schritt hin zu Christus, der die Auferstehung bringt.

Von Christus, dem Erstling, führt er dann weiter zu uns, und weitet die Auferstehung Schritt um Schritt auf die Gemeinde und darüber hinaus aus. Es ist wie eine Welle der Auferstehung, die nicht am Strand ausläuft, sondern durch das ganze Meer rollt. Und dann kommt auch noch der Tod selber an die Reihe. Der Tod wird vernichtet. Kurz: Der hat ausgedient. Es gibt alte Bilder, auf denen schweben all die Marterwerkzeuge, mit denen Christus und viele andere Menschen gequält werden, in die Hölle. Der Tod hat ausgedient.

Paulus schreibt hier in der Form der Zukunft. Er weiß aber, dass Hoffnung, die auf die Zukunft setzt, schon die Gegenwart bestimmt. So macht die Hoffnung, die sich auf das richtet, was sein wird, das heute lebenswert. Darum zaubert die Hoffnung schon jetzt, auch den Trostlosen, ein Lächeln auf das Gesicht, selbst wenn bangen Fragen an die Zukunft Oberhand haben sollten.

Die gewagte Zeichnung einer Vierjährigen trifft den Nagel auf den Kopf. Die Not, die ohne jeden Zweifel auf dieser Welt und den Menschen lastet, wird von der Auferstehung überholt. Vielleicht können nur Kinder Gegenwart und Zukunft so unmittelbar in einen Zusammenhang bringen. Aber diese Zusammenschau sorgt für ein befreiendes Lächeln, weil sie das schwere Schwarze mit anderen Farben umgibt.

III.

Wer schon einmal ohne Hoffnung war, weiß wie sich das anfühlt, wenn alles nur noch dunkel ist. Es reicht eine Stunde tiefer Trostlosigkeit und man begreift, warum das Kind bei der Zeichnung auch zum schwarzen Stift gegriffen hat aber vom Gelb nicht lassen konnte. Jeder Gedanke an Adam ist eine Erinnerung an diesen Patienten Null, der die Welt mit dem Sterben infiziert hat, alle Menschen, alle Tiere, alle Schöpfung der Vergänglichkeit unterworfen hat. Christus hat den Sieg darüber nicht mit leichter Hand errungen. Keiner hat einen so grausamen Tod auf sich nehmen müssen wie er. Nicht nur dieses Kreuz und das Leiden zeigen, was ein schrecklicher und qualvoller Tod, dieses langsame Ersticken am Kreuz bedeutet. In dieser Qual hat er all die Gottverlassenheit hineingenommen, die Menschen angesichts des Todes überfallen kann. Aber das Grab, in das man ihn gelegt hatte, fanden die Frauen am anderen Tag leer vor. Und der Apostel zieht die Linie, von Christus aus und führt so direkt zu uns.

Wie nötig wir die Hoffnung auf die Auferstehung haben, wissen wir spätestens dann, wenn sie uns einmal fehlt. Bei nächster Gelegenheit will ich mich an das Bild einer Vierjährigen erinnern. Intuitiv zeigt sie, worum es geht. Es geht um den Wandel, der vom Tod zum Leben führt: das ist das Entscheidende an Ostern. „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus.“ In diese Umwandlung, die vom schwarzen Bild des Todes zum Leben führt, zieht uns das Osterfest hinein. Der Blick auf den Gekreuzigten, bringt sein neues, unzerstörbares Bild zu Tage. Die Verheißung des Lebens ist stärker als alles, was sich dagegenstellt.

Predigt am Karfreitag, 10. April 2020

Evangelium am Karfreitag: Johannes 19,16–30

Predigttext: Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt. 2. Kor 5,19–21

Predigt:

Liebe Gemeinde, liebevoll schmiegte er sich an, zärtlich umarmte er ihn, gibt ihm einen Kuss. Mit diesem Kuss wies Judas den Verfolgern ihren Weg zu Jesus. Der Kuss des Judas ging als Kuss des Verrates in das Gedächtnis der Menschheit ein. Immer wenn innige Nähe zum Verrat wird, dann ist Karfreitag. Alles ist wie auf den Kopf gestellt. Nähe wird vorgegaukelt, aber Entfernung ist gemeint. Wenn ein Kuss in die Lüge verkehrt wird, dann ist die Stunde des Kreuzes.

Manchmal denke ich, als hätte dieser neuartige Virus für so eine verkehrte „Judas-Welt“ gesorgt. Wenn jeder echte Kuss zum Verrat werden könnte, wenn jede nötige Nähe nur auf 2 Meter Abstand echte Nähe ist, dann könnte es sein, dass diese verkehrte Welt doch noch über uns alle siegt.

Eine Großmutter sagt: „Das ist nicht richtig, ich konnte nur durch das Fenster zu meinen Enkeln winken“, die durften nicht zu ihr, um den Kuss und die Ostereier abzuholen. Sie hätten geweint. „Aber es geht ja nicht anders“, sagte die Großmutter. Sie spricht noch Rücksicht, aber ihr Schmerz ist spürbar. Es gibt viel Schmerz. „Mir fehlen die Gottesdienste“, höre ich in Dargen. „Ich kann allein nicht so gut beten, ich brauche die Gemeinde“, sagt jemand in Ahlbeck. „Ich habe Sorgen um meine Enkel“, sie seien auf Reisen gewesen. Wohin soll man mit all seinen Gedanken, wenn alles so verkehrt ist.

Wir suchen nach Versöhnung, um mit dem, was wir erleben, zurecht zu kommen. Die Botschaft des Apostels Paulus richtet sich an eine zerrissene Gemeinde. Die Gemeinschaft war von innen bedroht, vieles läuft verkehrt. Das lag vor allem an den Menschen, die nur ihren eigenen Interessen folgten. Als Paulus schrieb, hatte er so viel Verkehrtes vor Augen, wie wir es um uns herum gerade erleben. Allerdings war das alles selbst gemacht.

„Lasset euch versöhnen mit Gott!“, ist ein Weckruf. Der Apostel erinnert, was eigentlich alle schon lange wissen: Gott versöhnt die verkehrte Welt mit sich selbst. Das Wort „Versöhnung“ hat Paulus der antiken Diplomatensprache entnommen. „Versöhnung“ bezeichnete ursprünglich den Vorgang des Friedensschlusses zwischen zwei verfeindeten Volksgruppen. Paulus führt dieses Wort in den Glauben ein. Versöhnung wird zu einem umfassenden Friedensschluss zwischen verkehrtem Leben und Gott. Der Friedensschluss gehört zum Kreuz Christi. Hier bringt Gott seinen Willen mit unserem verkehrten Leben zusammen. Krasse Gegensätze kommen zur Versöhnung. Unvereinbares findet in Gott Verbindung. So wie das Kreuz senkrecht zum Himmel ragt und waagerecht den Horizont nachzeichnet, so kommt Gott sich mit der Welt zusammen. Da, wo alles verkehrt ist, wo der einzige Mensch, an dem Gott sein Wohlgefallen hat, mit dem Tod ringt, da beginnt die Versöhnung. Ich habe einmal gelesen „Gott hat der ganzen Welt den Versöhnungsteppich unter die Füße geschoben.“ Und ich sehe uns auf diesem Teppich laufen.

Vieles, was wir seit Wochen erleben, sucht eine solche innere Versöhnung: Vertraute Nähe wird zur Gefahr. Nicht die Hand reichen zu dürfen und so viel Abstand halten zu müssen, dass wir nur noch laut miteinander sprechen können, kann man auf Dauer nicht ertragen. Wenn normale menschliche Nähe sogar mit dem Judaskuss vergleichbar wird, dann braucht es einen neuen, inneren Friedenschluss.

Das höre ich von Vielen: Wir müssen jetzt über allen Maßen stark sein. Und wir sind es. Ich denke, weil wir wissen, dass Jesus sogar den verkehrten Kuss erlitt. Sein Kreuz hat er selbst getragen. Er hat den verkehrten Zorn von allen Seiten zu spüren bekommen. Doch nicht auf das Äußerliche kommt es an, sondern darauf, dass Gott „in Christus war und versöhnte die Welt mit ihm selber und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“

Versöhnen ist Gottes Tat. Wir werden die Dinge hinnehmen, die wir nicht ändern können. Wir werden sogar besser darin, das Verkehrte unserer Zeit zu erdulden. Weil wir ahnen, was Versöhnung ist, ein Friedensschluss, der uns erreicht.

Eine Frau erinnert sich, dass sie vor 75 Jahren schon einmal eine vollkommen verkehrte Welt erlebt hat. Da seien ihr die Bomben „um die Ohren geflogen“, sagt sie. Die Einsamkeit heute, in ihrer selbst gewählten Isolation, sei doch nichts im Vergleich dazu. Heute spüre sie, wie Gott ihr damals und heute geholfen habe. Sie könne beten und fände darin inneren Frieden. Sie sei mit all dem Schweren, das sie damals ertragen musste, dann doch auch heute versöhnt.

Versöhnung heißt: Der Verrat des Judas, die verkehrte Zeit, die wir erleben, wird nicht von Dauer sein. Wir planen alle an einem Neuanfang unseres echten Lebens. „Was werdet Ihr als erstes tun?“, fragten die Kinder, „Nichts“, sagten die Eltern, „uns einfach freuen und zusehen, was die anderen machen.“ Außerdem lägen da noch die Ostereier bereit. Die wollten die Kleinen sich noch holen.

Viele solche Überlegungen können einen mit dem Heute versöhnen. Und in unseren Kirchen: Vielleicht werden wir behutsam beginnen, Zwischenräumen schaffen und werden noch vorsichtiger sein. Aber: Der Teppich, der uns unter die Füße geschoben wurde, ist der Teppich der Versöhnung. Auf diesem Teppich lernen wir das Laufen.

Predigt zum Sonntag Palmarum, 5. April 2020

Text: Markus 14,3-9

Predigt: Liebe Gemeinde, die Diskussion um die Kosten verstummten, als alles fertiggestellt war. Heute sind die Hamburgerinnen und Hamburger stolz auf ihre Elbphilharmonie. „Unsere Elphi“ liebkost ein Name das neue Wahrzeichen. Millionengrab? – fast vergessen. „Vergeudung“ – das gilt nicht mehr. Heute ist da viel Stolz auf diesen wunderbaren Bau. Das, was auf den ersten Blick nach Verschwendung aussah, wurde zum Wahrzeichen einer Stadt. „Das Beste ist für uns gerade gut genug“, sagen die selbstbewussten Hamburgerinnen und Hamburger.

II. „Das Beste ist für uns gerade gut genug“

Eine Frau tritt während der Mahlzeit ein. Ihr Auftritt zeichnet eine tiefe Spur in die Geschichte. Alle in der Runde verstummen, starren sie an. Der Alabaster zerbröselt leise, sie gießt kostbares Öl auf Jesu Haupt. Betörender Duft breitet sich aus, erfüllt den ganzen Raum. „Skandal“, flüstert jemand. Jeder kann es hören. „Verschwendung, unerhört“, sagt ein anderer laut, unüberhörbar. Empörung macht sich breit. „Und die Armen nebenan, was ist mit denen?“, fragt einer. Alle nicken „die Armen, die hätten das jetzt nötig.“

Ausgerechnet dieser Frau wird mit dem Evangelium dieses Denkmal gesetzt. Wer ist die eigentlich, woher kommt sie, wohin will sei? Eine Hure ist sie vielleicht, wer weiß. Viele Geschichten ranken sich um sie, die Literatur ist voll. Heute möchte niemand diese Frau missen. Denn sie steht für eine Haltung. Sie ist unbekümmert, sie ist beherzt, sie nimmt sich frech die Freiheit. Und Jesus gewährt sie ihr. Von ihr geht etwas aus, sie wendet sich Jesus zu. Und „das Beste ist gerade gut genug“. Dann weist Jesus die in ihre Grenzen, die meckern und lästern, tuscheln und sich ereifern. Diese Frau setzt ein Zeichen für menschliche Größe und Jesus versteht sie, unterstützt das. Er macht aus dem, was die einen Vergeudung nennen, auf der anderen Seite ein Wahrzeichen.

Seit Montag nähen Frauen – warum eigentlich nur die Frauen?- an vielen Orten unserer Insel. Sie fertigen Masken, die sollen andere Menschen Sicherheit geben. „Das bringt nichts!“, sagen die einen und belächeln den „Aktionismus“. Solche Bereitschaft etwas für andere zu tun, wird aber zum Wahrzeichen der Krise. „Es ist wie früher der Akkord“, sagt eine Schneiderin. Sie gibt – wie viele es tun – ihr Bestes und das ist gut genug.

Solcher Freiheit, die gegen alle Widerstände etwas tut und erreichen will, ist im Evangelium ein Denkmal gesetzt. Selbst wenn es dem eigenen Schutz dienen sollte, für viele Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, wird das Rattern der Nähmaschinen zum Symbol. Es zeigt, dieses „wir helfen euch“, das ist das Beste, was uns allen passieren kann. Und das Beste ist immer gut genug.

Tief im Hintergrund schimmert in all dem durch, worum es in dieser Woche bis Ostern gehen wird. Gründonnerstag, das Heilige Abendmahl, Jesus setzt es ein. Er gibt das Beste, sich selbst, sein ganzes Leben, legt er hinein in Brot und Wein. Karfreitag, Jesus gibt das Wertvollste, was Gott geben kann, sich selbst. Unschuldig gerichtet, die Leute tuscheln wieder und wenden sich ab. Dann wird das Kreuz, ein Marterwerkzeug, zum Wahrzeichen und steht für Leben.

III. Luxus Freiheit - Festhalten am Glauben

Eine der Jubiläumskonfirmandinnen, die heute leider nicht feiern kann, sagte: „Das war damals ein Schritt in die Freiheit.“ Sie hätte sich sehr erwachsen gefühlt und selbstständig mit ihrer Entscheidung für die Konfirmation. Sie wollte in der Jungen Gemeinde und aus dem christlichen Glauben leben. Sie wusste, dass ihr Leben in mancher Hinsicht anders sein würde als das vieler anderer Menschen. Sie spürte in unserer Kirche eine unerhörte, manchmal sogar freche Freiheit. Das Beste ist schließlich gerade gut genug.

Das ist Freiheit: Festhalten am Glauben, auch wenn die kritischen Blicke jedem Schritt, den man tut und jedem Wort, das man sagt, voller Argwohn folgen. Es braucht solche Freiheit, wenn alle um einen herum ängstlich ins Schweigen fallen oder ihre Köpfe schütteln, wenn man für seine Hoffnung verunglimpft, für seine Gebete belächelt und für sein Engagement beschimpft wird. Für den Glauben an Jesus Christus steht diese Frau, sie ist ein Wahrzeichen.“ Lasst sie! Was bekümmert ihr sie?“, mit dieser einfachen Frage holt Jesus einen Glauben voller Überschwang in unser Leben hinein. Denn, das Beste ist für uns gerade gut genug.

Am Gründonnerstag jährt sich der Todestag von Dietrich Bonhoeffer. Am 9. April 1945, also vor 75 Jahre wurde der Theologe ermordet. Sein Leben ist für viele von uns ein Vorbild. Sein Name steht für Zivilcourage, gelebtes Christsein. Politischer Widerstand beginnt für ihn im christlichen Glauben. Christen und die Kirchen, sagte er, müssten „dem Rad selbst in die Speichen fallen“. Er hat sein Leben hingegeben für den Widerstand gegen den Unrechtsstaat, den die Nazis errichtet hatten.

„Der Christ steht frei ohne irgendwelche Rückendeckung vor Gott und vor der Welt, auf ihm allein ruht die ganze Verantwortung dafür, wie er mit dem Geschenk der Freiheit umgeht“, schreibt Bonhoeffer. Er greift nach dieser Freiheit, der Christus schon im Evangelium Raum geschaffen hat. Bonhoeffer war Opfer und ist zugleich ein Wahrzeichen geworden. An ihm richten sich viele Menschen aus. „So leidet Christus stellvertretend für die Welt. … Stellvertretend steht die Gemeinde Jesu Christi für die Welt vor Gott indem sie nachfolgt unter dem Kreuz. Gott ist ein Gott des Tragens“, schreibt er.

Während das Gerede vom Skandal verstummt ist, genießen die Menschen den Anblick der „Elphi“, lauschen den Konzerten. Es ist oft der Skandal, der am Anfang steht, der dann zum Wahrzeichen wird.

Ein Fläschchen kostbares Öl, der Ruf „Verschwendung“ wird laut, das Salböl entfaltet seinen Duft. Am Kreuz stirbt er. „Welch ein Skandal“, denken selbst die, die ihn nur von Ferne kannten. Und denen, die Jesus liebten, zerriss es das Herz. Wer konnte am Anfang schon ahnen, dass hier für das Ende ein Wahrzeichen errichtet ist. Das Kreuz zeugt, das Beste ist bei Gott für uns immer gut genug.

Predigt

Gebet mit Kindern:

Himmel ist dein,
Erde ist dein,
Licht ist dein,
Leben ist dein,
ich bin dein.

Gott hüte mich,
bewahre uns.

Himmel, schicke Trost,
Erde lass sprießen,
Leben lass wachsen.
Ich bin dein, mein Gott.


Judika, 29. März 2020

Predigttext: Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Hebräerbrief 13,12-14

Predigt: Liebe Gemeinde,

auf meinem Weg ins Büro bin ich einige Jahre täglich an einem alten Galgenberg vorbeigeradelt. Die frühere Hinrichtungsstätte liegt am Rande der Stadt Meldorf. Der kleine Hügel in der flachen Landschaft, unter alten Bäumen ist er kaum zu übersehen. Hier, draußen vor dem Tor, vollstreckte der Henker die grausamen Urteile.

Draußen, vor dem Tor, ist der Platz für den Galgenberg. „Da ist es unheimlich“, sagten unsere Kinder. Dann stellten sie sich hier Mutproben, kletterten durch die Wildnis und erschraken über allerlei Dinge. Das erfuhren wir erst Jahre später. „Da mussten wir durch“, sagen die Kinder heute.

„Draußen, vor dem Tor“ – da gelten andere Gesetze. Schon immer. Grusel und Angst gehören an diesen fernen Ort. Da ist man allem im wahrsten Sinne des Wortes „ausgesetzt“.

Niemand sucht solche Orte. Genau dorthin wendet Jesus seinen Weg. Da wo ihm der Wind eiskalt um die Ohren pfeift, und er hält stand. Der Hebräerbrief zeigt den Galgenberg und spricht von Jesu Sühne, die hier an diesem Un-Ort bleibt. Und der Brief sagt „ein für alle Mal“ (Hebräer 10,10). Jesus hält an diesem Un-Ort dem Leid stand. Er ist der einzige, der das erträgt. Und er überwindet es. Jesus wird zum Hohenpriester für uns (Hebräer 4,14).

II.

„Man kann das kaum aushalten“, sagt jemand, ich höre es aus unseren beiden Gemeinden. „Die Alten aus der Pommern-Residenz sind so schlimm dran.“ „Überall ist plötzlich Kurzarbeit.“ „Wir müssen doch unsere Miete bezahlen, die Kinder kosten, die Monatskarte, das Auto frisst Geld.“ Das muss man jetzt alles aushalten. Dann die Meldungen, die Zahlen, diese Kurve mit den Infektionen, die immer weiter ansteigen und näherkommen, die Angst. Der Leichtsinn vieler kommt dazu. Heute ist es, „als hätte mir das Leben einen Stuhl vor die Tür gestellt.“ Man muss das aushalten. Tief durchatmen, ertragen und beten. Der Hebräerbrief sieht hier Jesus Christus, der hält das alles aus, für uns. Und Martin Luther sagt: „Ein Schluck Wasser oder Bier vertreibt den Durst, ein Stück Brot den Hunger, Christus vertreibt den Tod.“

„Draußen, vor dem Tor“, da sind wir nicht verlassen. Denn: Es wird geholfen, Menschen sind unterwegs, helfen, bergen, retten, bewahren die Alten und Kranken, sie setzen ihre Gesundheit selbst auf das Spiel. Wir lernen das alles noch einmal neu, was Nähe uns wirklich bedeutet.

Solange jemand Licht ins Fenster stellt, wir unsere Glocken läuten, wenn wir für den anderen beten, sind wir nicht „draußen, vor dem Tor“. Da ist Christus, nur er, aber für uns. Und dann singt eine leise Stimme „Verschon uns Gott mit Strafen und lass uns ruhig schlafen und unsern kranken Nachbarn auch“. Das hat Jesus dort draußen für uns bewirkt.

Zum Glück sind wir nicht draußen vor der Stadt auf dem kalten Galgenberg. „Draußen, vor dem Tor“, liegt Golgatha, die Märzsonne scheint grell, und es ist menschenleer. Der Galgenberg ist überwunden, denn „Christus vertreibt den Tod.“

III.

Wir werden uns später an diese Tage im März 2020 erinnern. Die Kinder werden sich noch in Jahrzehnten die Stimmung vergegenwärtigen können. Es ist für sie mehr als eine Mutprobe. Und an dieses Aushalten, das wir Erwachsene unseren Kindern vorleben, werden sie sich erinnern. Auch aus der Disziplin der Eltern, Großeltern werden sie lernen. Dieser kalte Hauch aber, der uns nun bedroht, wird sie immer wieder anwehen. Wir setzen Maßstäbe für unsere nachwachsende Generation.

Als die Kinder später von ihren „Mutproben“ in Meldorf am Galgenberg erzählten, klang das so: „Da haben wir das Gruseln gelernt in der Wildnis und jedes Geräusch ließ das Herz bis zum Halse pochen.“ Sie hätten geübt „wie man Angst aushält“, sie hätten es trainiert, wie im Sport. Ihre damaligen Mutproben helfen ihnen jetzt, wenn es mal eng wird. Denn sie wussten fortan ja, man kommt durch Angst hindurch. Dieses „draußen vor dem Tor“, das gibt es nicht mehr. Christus hat all diese Einsamkeit ausgestanden. Ein für alle Mal. Außerdem: Der Galgen und das Schafott sind demontiert. Das Todeswerkzeug gelangte nicht einmal in das schöne Meldorfer Museum. All das Werkzeug des Schreckens ist Schrott, seit Christus.



Sonntag Lätare – freuet Euch! 22. März 2020

Predigttext: Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden. Jesaja 66,10-14

Liebe Gemeinde,

nun sitzen wir in unseren Wohnungen und Häusern. Mir fehlen die vielen Begegnungen mit Ihnen in Ahlbeck und Zirchow sehr. Persönlich, wenigstens mit einem Blick in die Augen, das ist doch echtes Leben. Das Telefon bietet jetzt für die Zwischenzeit einen guten Ersatz.

Manchmal spüre ich auch eigene und fremde Angst. Sie will aufsteigen und lässt sich gelegentlich schwer besiegen. In der Nachbarschaft gehen die jungen Frauen und Männer in die „Kurzzeit“. Existenzen geraten in Gefahr. Familien sind verteilt. Ein Patenkind war noch in Mexico, ein Freund arbeitet in Afrika. Jetzt sind sie wieder zuhause und mindestens zwei Wochen isoliert. Und unsere Kinder leben auf dem Festland: München, Leipzig, Hannover, mitten in der wuseligen Innenstadt. Sie wären vorletzte Woche gerne „noch schnell“ nach Hause gekommen. Sie haben aber verzichtet, wollten mögliche Infektionen nicht weitertragen. Sie sind zum Glück gesund.

Unsere Sorgen verwandeln sich immer wieder zu Gebeten. Im Sinn habe ich wieder ein altes Nachtgebet: Müde bin ich, geh zur Ruh – (Evangelisches Gesangbuch Nummer 484).

„Alle, die mir sind verwandt,
Gott, lass ruhn in deiner Hand;
alle Menschen, groß und klein,
sollen dir befohlen sein.“

II. „Lätare“ - „freuet Euch“

Der Predigttext heute wechselt den Ton, der uns durch die zurückliegende Woche begleitet hat. Er findet Worte, die die Angst niemals wählen würde. „Lätare“, „freuet Euch“ heißt dieser Sonntag. Freuet Euch. Dem Volk Israel war ein Land versprochen, in dem würden Milch und Honig fließen. Und: Dieses Versprechen hat Freude ausgelöst, schon bevor es eingelöst werden konnte. „Vorfreude ist die schönste Freude“, sagte meine Mutter gerne. In den Fastenzeiten liegt immer eine Verheißung, die auf ein Ziel hinweist.

Ein einziges Versprechen hat die Kraft, der Gegenwart Glanz zu geben. Das Versprechen Gottes entfaltete die Kraft, die ein ganzes Volk benötigte. Und sie kamen durch die Wüste. So wie wir es jetzt auch erwarten.

Der Zukunftsforscher Mattias Horx stellt sich vor, wie er im September 2020 in einem Straßencafé sitzt, vor ihm eine Tasse Kaffee. Er stellt seinen Leserinnen und Lesern einen neuen Alltag vor, der von den jetzigen Erlebnissen profitiert: „Die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, erzeugte gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst“ (aus: www.horx.com und www.zukunftsinstitut.de). Die Vorstellung, dass wir unsere Haustüren wieder öffnen werden und wieder zur Kirche gehen und Menschen richtig begegnen können, sorgt für etwas hellere Gedanken.

Von der Verheißung des Gelobten Landes zehrte eine ganze Generation. Von der Verheißung Gottes zehren wir beständig. Da geht es elementar zu: „Nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes“. Der Gott der Bibel rechnet auch bei uns Erwachsenen mit kindlichen Bedürfnissen. Die spricht er an, er erkennt unsere Trostlosigkeit und unsere Trostbedürftigkeit. Und er spart nicht mit Trost: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Es geht um Gott, der bleibt Hinwendung zu uns. Und wir lernen im Moment neu Gemeinde zu sein, Zusammenhalt zu wahren ohne direkten Kontakt halten zu können. Wir teilen viele Ängste und wir teilen die Verheißung Gottes. Der Verheißung aber gehört dieser Sonntag.

Mitten in der Fastenzeit – es sind nur noch wenige Wochen bis Ostern – tritt die Auferstehung Jesu in unser Blickfeld. Da kommt Vorfreude auf. Auferstehung ist für uns zunächst Verheißung. Wir nehmen schon jetzt an der Auferstehung teil. Das neue Leben ist aus der alten Welt nicht weg zu denken. Der Karfreitag, das Kreuz, der Tod Jesu, diese dunkle Stunde der Menschheit und Gottes, wird einmal kurz übersprungen. Das sorgt heute für Trost, denn die Osterbotschaft reduziert die Angst, im besten Fall befreit sie uns von der Angst. Das erleben viele von uns.

Ich denke an unsere Ahlbecker Kirche: Mit Bedacht haben die Erbauer das Christusfenster in die Mitte gestellt. Es ist Verheißung, was wir hier sehen. Das schwere Kreuz als steinerne Siluette immer im Blick, schmälert die Verheißung nicht. Denn es war der Tod Jesu, der Tod durch Menschenhand, der uns zu dieser Quelle des Lebens bringt.

III. #balkonsingen

Die stärkste Kraftquelle liegt im Moment bei den vertrauten Worten, die einen ganz elementar ansprechen. Sie geben der Verheißung eine Sprache für unsere Zeit. Viele, die in der Not die Sprache für den Glauben verlieren könnten, entdecken das neu. Wir sind alle dabei, die alten Kraftquellen, die uns von Kindertagen an vertraut sind, neu zu entdecken. Sie sind die Muttermilch, die den Glauben, der in uns gewachsen ist, angefüttert haben.

Im Pfarrhaus in Ahlbeck und gelegentlich auch in Zirchow leuchten abends ab 19.00 Uhr Kerzen aus den Fenstern. - Das machen seit Donnerstag viele Menschen in ganz Deutschland. - Zu zweit singen wir: „Der Mond ist aufgegangen“. Es ist für uns ungewohnt. Selten haben wir nur zu zweit gesungen. Es waren doch immer die Kinder oder Gemeinde dabei oder einer unserer Kirchenchöre. Aber wir entdecken gerade, wie die unterschiedlichen Strophen dieses Liedes, neue Kräfte entfalten und dann schließen wir mit:

„So legt euch Schwestern, Brüder
in Gottes Namen nieder.
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen
und lass uns ruhig schlafen
und unsern kranken Nachbarn auch.“ (Evangelisches Gesangbuch 482,7)

In Gedanken treten beim Singen viele Menschen vor das innere Auge. Ich habe auch den Blick von den Altären über die Kirchen, viele Ihrer Gesichter vor Augen. Der fehlt am Sonntag. In diesen Liedern liegt eine Kraft, die die Sorgen einmal überspringt. Und das Wissen, dass andere an anderen Orten auch singen, tröstet heute. Am Sonntag werde ich abends eine Leuchte vor das Christusfenster stellen. Dann ist der Christus auch von draußen zu sehen. Er zeigt uns: Wir leben von dieser Verheißung.

NDR Kultur / NDR Info, Montag, 16. März 2020
Henning Kiene, Pastor in Ahlbeck und Zirchow auf Usedom

Wenn nachts die Gedanken kreisen

„Plötzlich war die Nacht zu Ende“, sagte er, „es ist gerade mal 4.30 Uhr und ich liege da, hellwach, und die Gedanken kreisen: Kleine Probleme machen sich riesig und alles, was gut ist, schrumpft zusammen.“ Wochenlang sei das so gewesen, und besonders oft in der Nacht zum Montag. Es war so, als kreiselten alle Gedanken wie in einem Wirbel. „Dann schlief ich erst wieder ein kurz bevor der Wecker klingelte.“ Am Frühstückstisch saß er wie gerädert, der Schatten der Nacht trübte den Tag ein. Seine Ärztin habe ihm gesagt, er sei körperlich gesund. Es sei alles nur eine „Episode“. Tabletten wollte er nicht nehmen.

Als er dann wieder einmal mitten in der Nacht aufwacht, fängt er an, seinem Atem nach zu lauschen. Sein Einatmen und Ausatmen sind regelmäßig, das beruhigt. Er folgt diesem Rhythmus, und er kommt zur Ruhe.

Irgendwann denkt er an früher, an seine Mutter, an die Gebete, die sie mit ihm am Kinderbett sprach. „Ich machte das mal probeweise“, sagt er verlegen. „Vater unser im Himmel“. Die Worte verhallen bei den ersten Versuchen. Es kommt nichts zurück. Dann aber nimmt er den Atem zur Hilfe. „Vater unser im Himmel“. Einatmen. Ausatmen. „Geheiligt werde dein Name“. Einatmen. Ausatmen. Er spürt eine uralte Kraft, die sich durch die Worte hindurch entfaltet. Er wacht morgens deutlich frischer auf.

Er erinnert sich an andere Gebete. Ein Vers aus der Konfirmandenzeit, lange ist das her. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“, auch dieses Gebet fügt sich in den Rhythmus des Atems ein. „Das ist jüdisch- christliche Tradition“, denkt er. Morgens sitzt er nun erholter am Frühstückstisch.

„Was wäre, wenn ich das meinen Kollegen oder beim Fußball erzählen würde?“, fragt er. „Behalten Sie Ihr Geheimnis lieber für sich, es gehört nur ihnen“, rate ich ihm, „aber Ihre neue Zuversicht geben Sie bitte weiter, diebrauchen die Anderen jetzt dringender denn je.“




NDR Kultur / NDR Info, Mittwoch, 18. März 2020
Henning Kiene , Pastor in Ahlbeck und Zirchow auf Usedom

Es pilgert sich leichter mit wenig Gepäck

Oben auf  der ersten Stufe zu unserer Kirche in Zirchow saß im vergangenen Sommer ein Mann. Rucksack und Trinkflache standen neben ihm. Seine Füße steckten in großen Wanderschuhen. Seine Jacke, neu. In der Kirche sei es sicherlich kühler, aber „hier in der Sonne ist es herrlich“, sagte er. Er sei auf dem Pilgerweg, wandere auf der sogenannten Via Baltica. Dieser Pilgerweg führt nach Osnabrück, von dort geht es dann Richtung Santiago de Compostela. Das sei aber nicht sein Ziel, noch nicht. Das jetzt sei so ein Versuch, er nutze seinen Urlaub für diese Wanderung. Seine Familie verzichte auf ihn und die gemeinsame Zeit.

Dann erzählt er von Zuhause, seiner Frau, den Kindern. Sie wohnen schön, haben viel Platz, alte Möbel, er fahre auch ein tolles Auto. „Dienstwagen“, strahlt er. Beruflich gehe es ihm sehr gut. Und: Sie seien alle gesund, „hoffentlich“. Aber dann spricht er von einer Furcht. „Es scheint immer alles so selbstverständlich, auch unser persönliches Glück. Aber selbstverständlich ist doch nichts.“ Ich sehe sein Grübeln. Es ist, als zögen an diesem unbeschwerten Sommertag Sorgen auf.

„Ich spüre, beim Pilgern verschiebt sich etwas,“ sagt er. Dann schwärmt er von der Stille, von der schlichten Herberge der letzten Nacht, es sei einfach und schön, und das lange Schweigen und diese selbst gewählte Einsamkeit seien eine Wohltat. „Es scheint so, als übe ich für ein anderes Leben“, sagt er.

Gestern habe ich wieder an ihn gedacht. Ich sah ihn wieder, - natürlich nur vor meinem inneren Auge - er saß da, auf der Stufe vor unserer Kirche in der Sonne. Heute denke ich, dieser Pilger hat geübt für diese Tage, die wir gerade erleben.

„Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat“, dieser Satz stammt von Jesus. „‘Sorgt nicht‘, das stimmt,“ antwortete er damals im vergangenen Sommer. „Irgendwann zählen sowieso nur noch Vertrauen und Optimismus“, so endete unser Gespräch. Er ließ den Rucksack auf seine Schultern gleiten und wanderte mit großen Schritten weiter. Heute hoffe ich, dass es ihm gut geht. Dieses „Es zählen sowieso nur noch Vertrauen und Optimismus“ klingt heute noch nach. 

 


 NDR Kultur / NDR Info Donnerstag, 19. März 2020

Henning Kiene , Pastor in Ahlbeck und Zirchow auf Usedom

Das Schweigen des Großvaters - nicht gesendet

„Dass Schweigen mir guttut, habe ich mühsam gelernt,“ erzählt er, „Schweigen begann mit meinem Großvater. Immer, wenn ich fragte, „Opa, erzähl mal von früher“, bekam ich ausweichende Antworten. „Es war Nazizeit, es war Krieg, ich war Soldat“, sagte Großvater. Auf Nachfragen brummelte er, „War alles nicht schön.“ Dann wurde er still, das Ticken der Standuhr klang ohrenbetäubend, er hätte gerne etwas gesagt. Er schwieg, war ja noch ein Kind. Das passte nicht zumOpa, den alle kannten, der gerne lachte und Oma schnell im Vorbeigehen küsste. „Dieses Schweigen war wie Blei, wir trugen in unserer ganzen Familie schwer daran“, erinnert er sich, „aber selbst darüber herrschte Schweigen.“

Es gibt ein bedrohliches Schweigen. In dem kommt die Angst und all das Dunkle nicht zur Sprache. Dieses Schweigen erstickt jedes Gespräch. Gerade heute ist es so wichtig, dass wir unsere Furcht nicht wortlos herunterschlucken. Hinsehen und Ertragen hilft, dann lässt es sich damit besser leben. .

Eines Tages trug der Opa dann ein dickes Album mit sich. Er legte es auf den Tisch. „Du sollst es lesen,“ murmelte er. „Ich habe es gelesen, später unzählige Mal“, erzählte der Enkel, der nun kein Kind mehr ist. „Es waren Bilder aus Opas Jugend, Fotos und kurze, präzise Texte, Ortsangaben, Daten aus dem Krieg. Opa war Fernmelder, sie zogen Kabel, und man sieht einen Wagen voller Technik.“ Dann: In Russland brennen Hütten, Zivilisten fliehen, Pferdewagen auf eisigen Wegen, Tote Pferde im Graben, aufgedunsen, kaputte Autos, „Rückzug“, schrieb er.

„Er saß neben mir, bis ich es durchgelesen hatte. Er schwieg, sah zu, auch dann noch, als die ganze Familie sein Buch las“, erinnert sich der Enkel. „Dieses Schweigen war aber anders. Es tat uns gut.“

Sie hatten in einen Abgrund gesehen. Es war Opas Leid. Eine ferne Schuld kam ihnen nah. Da liegt etwas nur in Gottes Hand. In seinen Augen erkannten sie seine Not und es löste sich etwas. „Da habe ich gelernt, wie gut Schweigen sein kann,“ sagt er.

Das ist das andere Schweigen, es kennt die Abgründe, es hält sogar die große Not aus. Es harrt aus und vertraut auf Gott. Solches Schweigen ist voller Demut, es lässt dem anderen Menschen Raum.

 


 

NDR Kultur / NDR Info Freitag, 20. März 2020
Henning Kiene , Pastor in Ahlbeck und Zirchow auf Usedom

#stayathome

Gestern abend um 19 Uhr leuchteten Kerzen in den Fenstern unserer Pfarrwohnung. Und wir haben gesungen: „Der Mond ist aufgegangen. Die goldenen Sternlein prangen“. In unserer Kirche hatte jemand die Idee: #balkonsingen. Motto: „Wir halten uns fern und sind füreinander da – Licht der Hoffnung!“ Die Straßen waren leer und wir in der Wohnung seit Tagen nur zu zweit. Aber die Kerzen taten uns gut, auch das Singen und wir wussten, andere machen zu selben Zeit mit. Das verspricht Verlässlichkeit: Die schlichte Geste, die einfache Melodie, die vertrauten Texte.

Unsere Freundin Sylvia unterstützt Kinder mit hohem Förderbedarf. Sylvia nimmt mehrmals täglich mit dem Handy kleine Filme auf. Sie sitzt zuhause am Tisch. Sie zeigt mit ihren Fingern Zählverse und singt dazu. Und ich stelle mir vor, wie die Kinder bei sich zu Hause ebenfalls am Tisch sitzen und mit ihren Fingern den Film nachspielen und singen das Lied. Sie können sich auf Sylvia verlassen.

Zwei Jugendliche aus der Jungen Gemeinde stecken Zettel in Briefkästen. Sie bieten älteren Menschen Gespräche am Telefon an. Sie würden deren Einkäufe erledigen und vor der Tür ablegen. Motto: „Wir halten Abstand und sind füreinander da“. Die Alten können sich auf die Jungen verlassen.

Ein Koch aus einem Hotel muss in die Kurzarbeit wechseln. Er und seine Frau haben sich gerade eine größere Wohnung geleistet. „Das ist hart, es tut mir aufrichtig leid“, sagt der neue Nachbar über den Gartenzaun. Das Mitleid klingt echt und es tut jetzt einfach gut.

In dieser Krise stehen die kleinen Gesten für Verlässlichkeit. „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“, schreibt der Apostel Paulus an seine Gemeinde. Diese oft bedrückende Stimmung wird nicht Oberhand gewinnen. Es wirken viele Kräfte dagegen. Dieser äußere Abstand, den wir alle wahren müssen, macht das Leben der Jungen und der Alten sicherer.

Sylvias Handy-Filme, die Telefonate der Jugendlichen, das Einkaufen, die vielen Gespräche über den Gartenzaun auch die echte, menschliche Anteilnahme sorgen für Verlässlichkeit. Ich bin mir sicher, es gibt auch auf Distanz viel Nähe.

Auch Heute Abend: Wir zünden die Kerzen wieder an, Singen „Der Mond ist aufgegangen“. Gerade auf Abstand sind wir in diesen Tagen wirklich füreinander da.

 

NDR Kultur / NDR Info Sonnabend 21. März 2020
Henning Kiene, Pastor in Ahlbeck und Zirchow auf Usedom

Weiter Blick und ferne Häfen

Sonnabends am Strand von Ahlbeck. Viele Gäste unserer Insel zieht es hierher. Man sieht sie in kleinen Gruppen. Sie wandern direkt am Wasser entlang. Eine große Fähre verlässt den nahen Hafen, steuert ein fernes Ziel an. Im Vorübergehen fange ich Gesprächsfetzen auf. Es geht um die Arbeit, und um die Familie. Ein Paar spricht von der Hochzeit. Mehr höre ich nicht. Man sieht Gesten, manchmal bleibt jemand stehen, als müsse ein Satz unterstrichen werden.

Die gemächliche Muße am Sonnabend gehört hier in Ahlbeck zum Rhythmus der Woche. Offenbar inspiriert der Strand, und die Weite der Ostsee belebt die Gespräche. Das tut den Menschen gut und mir auch. Es ist als legte man in solchen Gesprächen einen Vorrat Menschlichkeit an. Gerade die Vorstellung, dass da in der Ferne ein Hafen ist, es ein Ziel zu erreichen gilt, regt die Fantasie an.

Heute bleibt der Stand leer. Das ist ungewohnt. Nur wenig Menschen sind weit und breit zu sehen, seit Tagen ist das so. Das ist bedrückend. Der Sonnabend hält dennoch seine Mußestunden bereit. Es ist die Zeit für gründliche Gespräche. Heute greife ich nur zum Telefon. Rufe sie an, die alten Eltern, meine Schwester und den Freund in Münster. Wir haben uns so vieles zu sagen. Wir werden uns an unsere Ziele erinnern. In diesen Tagen kann man sogar abgerissene Gesprächsfäden wieder aufnehmen.

Eine Erinnerung klingt an: Als Israel durch die Wüste zog, erhielten die Menschen eine Portion Manna, Himmelsbrot, abgewogen nur für einen Tag. Ausnahme: der sechste Tag, da bekamen die Menschen eine doppelte Ration. Eine mehr, für den kommenden Sabbat. „Sehet, der Herr hat euch den Sabbat gegeben; darum gibt er euch am sechsten Tage für zwei Tage Brot“, (2. Mose 16,29) heißt es in der Bibel. Das gehört zum Sonnabend, das Proviant, das bereit liegt, gilt es aufzusammeln. Gott gibt mehr als wir unbedingt brauchen. Das, was uns verbindet, das Menschliche, liegt auch heute bereit. Gott steht für den Proviant ein, den wir benötigen werden.


 

Predigt und Gebet zum Lesen und Mitmachen
Sonntag Okuli, 15. März 2020, Evangelisches Pfarramt Ahlbeck-Zirchow auf Usedom
Pastor Henning Kiene

Predigttext: Als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu Jesus: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Lukasevangelium 9,57-62

Liebe Gemeinde,

im Rückspiegel sah er sie noch lange, beide winken sie ihm nach. Er spürt den Fahrtwind an seinem Arm. Dann kurbelt er das Fenster hoch. Hinter ihm seine „Alten“ vor ihm ein Studienplatz. Er sieht, wie der Vater verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel wischt. Mutter greift nach Vaters Hand. Er denkt an das, was kommt: Studium, Ausbildung, Zukunft, Freundschaften. Es liegt noch unbekannt vor ihm. Kein Ballast beschwert ihn. Der Fuß sucht das Gaspedal. Das geliehene Auto beschleunigt. Die Luft riecht nach Benzin. Dann aber zieht der Duft der Freiheit durch das voll beladene Auto.

Momente voller Aufbruch. Es gibt sie immer wieder. Auch heute liegt etwas Neues, Unbekanntes in der Luft. Es ist bedrückend, macht das Herz schwer. Abschied: Das letzte Abschließen der Tür. Wohnung ist leergeräumt. Neubeginn im frisch gestrichenen Zuhause, das noch keines ist. Oder: Das Elternhaus aufgelöst. Die Ehe auseinander. Ein letztes Mal rumort der Schlüssel im Schloss. Nun heißt es, die Schlüssel abgeben. Das ist dann doch noch plötzlich. Kloß im Hals. Man schluckt. Nun heißt es: Neu beginnen. Der Kopf sagt, „du gehst gerade über eine Schwelle.“ Es gibt jetzt ein „Damals“ und es gibt ein „Morgen“ und ich bin schon mehr im „Morgen“, als mir lieb ist. Heute ist die Schwelle erreicht, wieder einmal. Jede und jeder spürt es. Heute liegt allerdings weniger Freiheit in der Luft, es ist viel Angst, sehr viel Angst zu spüren.

„Folge mir nach!“ - Übergänge sind hart, oft auch steinhart. Solche Erfahrungen sind eingeflossen in das Evangelium. Abraham brach aus Ur auf. Sahra wurde im hohen Alter schwanger. Hanna bringt Samuel zur Welt und sie preist Gott „Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche“ (bitte lesen: 1. Samuelis 2,1-11). Petrus lässt die Netze liegen. Aus dem Fischer wird ein „Menschenfischer“. „Folge mir nach!“, so klingt es am Übergang. Was war, ist gewesen, das was sein wird, trägt den Keim des Neuen in sich. Es muss nicht alles schlechter, es kann ja auch vieles besser werden.

Wir können dieser Angst, die in uns herumwirbelt, ja auch unsere Hoffnung entgegenhalten. Wir können der Furcht um die Gesundheit auch mit dem Vertrauen begegnen, das uns alle Tage trägt. Es wenigstens versuchen! Denn Gott handelt mit uns nicht durch Leid. In Jesus Christus offenbart sich Gott ein für alle Mal als ein liebender Gott. Er begleitet uns unter Verzicht auf menschliche Macht und Gewalt auch durch die tiefen Täler des Lebens. Das ist wichtig zu wissen auf der Schwelle zu Neuem.

Ich höre Jesu Stimme „folge mir nach“, sie klingt in meinen Ohren heute schroffer als sonst, unnachgiebig. So kenne ich seine Stimme nicht. Denn mancher Aufbruch im Leben eröffnet weder Alternative noch ein Zurück. Da hängen die Zimmerdecken nach dem Bombenangriff schräg, Mauern liegen auf der Straße, die Möbel rutschen. Die Flucht wird zur letzten Chance. Am vergangenen Donnerstag erzählte eine alte Frau aus Swinemünde. Das war im März 1945. Und heute ist das in vielen Gebieten der Welt nicht viel besser. Da sitzen sie am Grenzzaun zu Europa und hoffen auf einen besseren Morgen. Es sind – wie vor 75 Jahren – wieder die Kinder, die dem schroffen Leben begegnen. Zum Glück handelt Gott nicht durch Leid. Darum: Die Politik könnte Leid lindern und wenigstens die Kinder retten.

„Folge mir nach!“ höre ich. Das Schroffe, das alles überlagert, weicht aus Jesu Wort. „Ich muss aber doch noch“, denke ich, schnell noch „Tschüss sagen“, länger winken, noch einmal die Tür öffnen, ein aller letztes Mal durch die leeren Räume gehen. An den Wänden hingen meine alten Poster. Die Schatten sind noch zu erkennen. Auch noch einmal an das Grab der Eltern treten, das wäre vielleicht gut. Abschiednehmen braucht Zeit, weiß Jesus das denn nicht? Zwei Fragen lässt Jesus zu, zwei Extrarunden durch das Gestern. Zum Glück wird hier nicht gescholten. Da ist wieder dieser Moment auf der Schwelle. Irgendetwas Neues liegt in der Luft. Gut ist dran, wer nun aus dem Autofenster winkt und sieht, was im Rückspiegel immer kleiner wird und dabei doch noch heiter sein kann und voller Zuversicht. An vielen Schwellen reicht es, einmal kräftig zu schlucken und der Moment des Schmerzes verfliegt.

Heute aber jagt seit Tagen eine schlechte Nachricht die nächste. „Ich bin Risikogruppe“, höre ich aus allen Ecken. Es liegt viel Angst in der Luft. „Gespenstisch“, sagt jemand. Die Grenzen nach Swinemünde werden geschlossen. Das ist keine Zukunftsoption, das macht Angst.

Doch dann kommt das Evangelium für diesen Sonntag. Jesu Stimme klingt kraftvoll und ist sicher: „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ So höre ich ihn heute. Kein Wort spricht vom nahen Untergang. Jesus wagt es an der Schwelle, über die es nun geht, vom Neuen, vom Reich Gottes zu reden. Da wird Hoffnung wach. Zu den Ängstlichen sagt er: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“ (Matthäus 5,4). Da klingt Mut herüber. Keineswegs ist heute ein Schlusspunkt. Es ist eine Schwelle. Am Kreuz spricht er später sogar vom Paradies. Das sind die Perspektiven, die sich aus dem Evangelium heraus in das Leben hinein entfalten.

Mitten in dieser harten Zeit ist kein Kompromiss mehr möglich: „Folge mir nach!“ Da sind Menschen, die lassen sich ihre Hoffnung nicht verderben. Die Hilfebereitschaft wird nicht untergebuttert von der Angst. Da wird in diesen Tagen viel gebetet „Vater hilf!“ Es wird mit den Alten telefoniert, da wird Acht gegeben, dass die Kinder den Alten fernbleiben und niemand einsam und verlassen in der Wohnung sitzt. Kann ich helfen? Kann ich etwas mitbringen? ich lege es vor die Haustür. Da sind die Erfahrungen, die aus der Bibel heraus heute ihre Wirkung entfalten. Man spricht von Achtsamkeit. Ich zitiere nur: „Folge mir nach!“

Diesen Blick in den Rückspiegel, in dem er seine Eltern sieht, beide stehen Hand in Hand an der Straße, hat er nie vergessen. Er ist dankbar, dass er damals aufbrechen durfte. Er spürt den Fahrtwind, als er aus dem Fenster winkt. Und weiß, dass sie ihn gerne haben fahren lassen. Aus damals ist er klug geworden. Dieser Abschied war nur eine Übung für bedeutend schwereren Abschied. Aber er weiß: Aus dem Fischer von der Küste wird ein „Menschenfischer“. Hanna preist Gott: „Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche.“

„Folge mir nach!“, das heißt heute, aus den Ängstlichen werden Mutige, aus den Verzagten gehen Starke hervor. So klingt Jesu Wort auf der Schwelle: Mehr nach liebendem Gott, als nach Angst. So klingt Jesus auf der Schwelle, nach viel Sehnsucht, die sich in Richtung Hoffnung ausstreckt, eben nach dem Sound, den das Reich Gottes mit sich bringt. Amen.

Gebet:

Guter Gott, du bist in unserer Mitte,
dein Wort öffnet Wege, verspricht neuen Mut.

Gott, dir sei Dank.

Nun aber bitten wir,
für unsere Kinder, bewahre sie,
für unsere Alten, hüte sie,
für alle, die in der Mitte des Lebens stehen, stärke sie,
nimm dich unser an.

Gib Ruhe in aufgewühlten Seelen,
Vernunft in hektische Gedanken,
schenke Besonnenheit in allem Tun.

Gott, höre unser Gebet.

Guter Gott, du bist in unserer Mitte,
dein Wort öffnet Wege, verspricht neuen Mut.

Gott, dir sei Dank.

Nun aber bitten wir,
für alle, die Verantwortung tragen, in Politik, Medien und Wirtschaft, stärke sie,
für die, die Dienst tun in Kliniken, Rettungsdiensten, bei Polizei und Feuerwehr, schütze sie,
für alle, die Dienst tun für unsere Kommune, hilf helfen,
nimm dich ihrer an.

Gib Ruhe in aufgewühlten Seelen,
Vernunft in hektische Gedanken,
schenke Besonnenheit in allem Tun.

Gott, höre unser Gebet.

(Schweigen)

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden,
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben
Unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen

Jeder sagt es für jeden: Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir (+) Frieden. Amen



Guter Gott,

die Corona-Krise macht uns Angst. Solch eine Situation hatten wir noch nie.

Auf der ganzen Welt werden Menschen deswegen krank.
Und noch viel mehr bleiben zuhause oder auf Abstand zueinander, um sich nicht anzustecken mit dem neuen Virus.

Ich bitte dich: Steh uns bei in dieser Situation.
Sei bei den Kranken und den Risikopatienten und bei allen, die sich um sie kümmern.

Hilf uns, gelassen zu bleiben.
Hilf uns, Solidarität zu zeigen mit denjenigen, die wir jetzt besonders schützen müssen.

Guter Gott,

lass diese Corona-Krise bald vorübergehen.
Und schenke uns jetzt Mut und Zuversicht.

Amen.

Beate Hirt (https://www.kirche-im-hr.de/aktuelles/2020/gebet-in-der-corona-krise/?ADMCMD_simTime=1584144060)


Das Nagelkreuzgebet aus Coventry (aus Anlass des 75. Jahrestages der Bombadierung der Stadt Swinemünde - 12. März 2020)

Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten. (Römer 3, 23)

Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse,

Vater, vergib.

Das Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr Eigen ist,

Vater, vergib.

Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet,

Vater, vergib.

Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der Anderen,

Vater, vergib.

Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge,

Vater, vergib.

Die Gier, die Frauen, Männer und Kinder entwürdigt und an Leib und Seele missbraucht,

Vater, vergib.

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott,

Vater, vergib.

Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem anderen, wie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus. (Epheser 4, 32