Pfarramt Ahlbeck-Zirchow
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auf Usedom

Predigt zum Sonntag Palmarum, 5. April 2020

Text: Markus 14,3-9

Predigt: Liebe Gemeinde, die Diskussion um die Kosten verstummten, als alles fertiggestellt war. Heute sind die Hamburgerinnen und Hamburger stolz auf ihre Elbphilharmonie. „Unsere Elphi“ liebkost ein Name das neue Wahrzeichen. Millionengrab? – fast vergessen. „Vergeudung“ – das gilt nicht mehr. Heute ist da viel Stolz auf diesen wunderbaren Bau. Das, was auf den ersten Blick nach Verschwendung aussah, wurde zum Wahrzeichen einer Stadt. „Das Beste ist für uns gerade gut genug“, sagen die selbstbewussten Hamburgerinnen und Hamburger.

II. „Das Beste ist für uns gerade gut genug“

Eine Frau tritt während der Mahlzeit ein. Ihr Auftritt zeichnet eine tiefe Spur in die Geschichte. Alle in der Runde verstummen, starren sie an. Der Alabaster zerbröselt leise, sie gießt kostbares Öl auf Jesu Haupt. Betörender Duft breitet sich aus, erfüllt den ganzen Raum. „Skandal“, flüstert jemand. Jeder kann es hören. „Verschwendung, unerhört“, sagt ein anderer laut, unüberhörbar. Empörung macht sich breit. „Und die Armen nebenan, was ist mit denen?“, fragt einer. Alle nicken „die Armen, die hätten das jetzt nötig.“

Ausgerechnet dieser Frau wird mit dem Evangelium dieses Denkmal gesetzt. Wer ist die eigentlich, woher kommt sie, wohin will sei? Eine Hure ist sie vielleicht, wer weiß. Viele Geschichten ranken sich um sie, die Literatur ist voll. Heute möchte niemand diese Frau missen. Denn sie steht für eine Haltung. Sie ist unbekümmert, sie ist beherzt, sie nimmt sich frech die Freiheit. Und Jesus gewährt sie ihr. Von ihr geht etwas aus, sie wendet sich Jesus zu. Und „das Beste ist gerade gut genug“. Dann weist Jesus die in ihre Grenzen, die meckern und lästern, tuscheln und sich ereifern. Diese Frau setzt ein Zeichen für menschliche Größe und Jesus versteht sie, unterstützt das. Er macht aus dem, was die einen Vergeudung nennen, auf der anderen Seite ein Wahrzeichen.

Seit Montag nähen Frauen – warum eigentlich nur die Frauen?- an vielen Orten unserer Insel. Sie fertigen Masken, die sollen andere Menschen Sicherheit geben. „Das bringt nichts!“, sagen die einen und belächeln den „Aktionismus“. Solche Bereitschaft etwas für andere zu tun, wird aber zum Wahrzeichen der Krise. „Es ist wie früher der Akkord“, sagt eine Schneiderin. Sie gibt – wie viele es tun – ihr Bestes und das ist gut genug.

Solcher Freiheit, die gegen alle Widerstände etwas tut und erreichen will, ist im Evangelium ein Denkmal gesetzt. Selbst wenn es dem eigenen Schutz dienen sollte, für viele Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, wird das Rattern der Nähmaschinen zum Symbol. Es zeigt, dieses „wir helfen euch“, das ist das Beste, was uns allen passieren kann. Und das Beste ist immer gut genug.

Tief im Hintergrund schimmert in all dem durch, worum es in dieser Woche bis Ostern gehen wird. Gründonnerstag, das Heilige Abendmahl, Jesus setzt es ein. Er gibt das Beste, sich selbst, sein ganzes Leben, legt er hinein in Brot und Wein. Karfreitag, Jesus gibt das Wertvollste, was Gott geben kann, sich selbst. Unschuldig gerichtet, die Leute tuscheln wieder und wenden sich ab. Dann wird das Kreuz, ein Marterwerkzeug, zum Wahrzeichen und steht für Leben.

III. Luxus Freiheit - Festhalten am Glauben

Eine der Jubiläumskonfirmandinnen, die heute leider nicht feiern kann, sagte: „Das war damals ein Schritt in die Freiheit.“ Sie hätte sich sehr erwachsen gefühlt und selbstständig mit ihrer Entscheidung für die Konfirmation. Sie wollte in der Jungen Gemeinde und aus dem christlichen Glauben leben. Sie wusste, dass ihr Leben in mancher Hinsicht anders sein würde als das vieler anderer Menschen. Sie spürte in unserer Kirche eine unerhörte, manchmal sogar freche Freiheit. Das Beste ist schließlich gerade gut genug.

Das ist Freiheit: Festhalten am Glauben, auch wenn die kritischen Blicke jedem Schritt, den man tut und jedem Wort, das man sagt, voller Argwohn folgen. Es braucht solche Freiheit, wenn alle um einen herum ängstlich ins Schweigen fallen oder ihre Köpfe schütteln, wenn man für seine Hoffnung verunglimpft, für seine Gebete belächelt und für sein Engagement beschimpft wird. Für den Glauben an Jesus Christus steht diese Frau, sie ist ein Wahrzeichen.“ Lasst sie! Was bekümmert ihr sie?“, mit dieser einfachen Frage holt Jesus einen Glauben voller Überschwang in unser Leben hinein. Denn, das Beste ist für uns gerade gut genug.

Am Gründonnerstag jährt sich der Todestag von Dietrich Bonhoeffer. Am 9. April 1945, also vor 75 Jahre wurde der Theologe ermordet. Sein Leben ist für viele von uns ein Vorbild. Sein Name steht für Zivilcourage, gelebtes Christsein. Politischer Widerstand beginnt für ihn im christlichen Glauben. Christen und die Kirchen, sagte er, müssten „dem Rad selbst in die Speichen fallen“. Er hat sein Leben hingegeben für den Widerstand gegen den Unrechtsstaat, den die Nazis errichtet hatten.

„Der Christ steht frei ohne irgendwelche Rückendeckung vor Gott und vor der Welt, auf ihm allein ruht die ganze Verantwortung dafür, wie er mit dem Geschenk der Freiheit umgeht“, schreibt Bonhoeffer. Er greift nach dieser Freiheit, der Christus schon im Evangelium Raum geschaffen hat. Bonhoeffer war Opfer und ist zugleich ein Wahrzeichen geworden. An ihm richten sich viele Menschen aus. „So leidet Christus stellvertretend für die Welt. … Stellvertretend steht die Gemeinde Jesu Christi für die Welt vor Gott indem sie nachfolgt unter dem Kreuz. Gott ist ein Gott des Tragens“, schreibt er.

Während das Gerede vom Skandal verstummt ist, genießen die Menschen den Anblick der „Elphi“, lauschen den Konzerten. Es ist oft der Skandal, der am Anfang steht, der dann zum Wahrzeichen wird.

Ein Fläschchen kostbares Öl, der Ruf „Verschwendung“ wird laut, das Salböl entfaltet seinen Duft. Am Kreuz stirbt er. „Welch ein Skandal“, denken selbst die, die ihn nur von Ferne kannten. Und denen, die Jesus liebten, zerriss es das Herz. Wer konnte am Anfang schon ahnen, dass hier für das Ende ein Wahrzeichen errichtet ist. Das Kreuz zeugt, das Beste ist bei Gott für uns immer gut genug.

Predigt

Gebet mit Kindern:

Himmel ist dein,
Erde ist dein,
Licht ist dein,
Leben ist dein,
ich bin dein.

Gott hüte mich,
bewahre uns.

Himmel, schicke Trost,
Erde lass sprießen,
Leben lass wachsen.
Ich bin dein, mein Gott.


Judika, 29. März 2020

Predigttext: Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Hebräerbrief 13,12-14

Predigt: Liebe Gemeinde,

auf meinem Weg ins Büro bin ich einige Jahre täglich an einem alten Galgenberg vorbeigeradelt. Die frühere Hinrichtungsstätte liegt am Rande der Stadt Meldorf. Der kleine Hügel in der flachen Landschaft, unter alten Bäumen ist er kaum zu übersehen. Hier, draußen vor dem Tor, vollstreckte der Henker die grausamen Urteile.

Draußen, vor dem Tor, ist der Platz für den Galgenberg. „Da ist es unheimlich“, sagten unsere Kinder. Dann stellten sie sich hier Mutproben, kletterten durch die Wildnis und erschraken über allerlei Dinge. Das erfuhren wir erst Jahre später. „Da mussten wir durch“, sagen die Kinder heute.

„Draußen, vor dem Tor“ – da gelten andere Gesetze. Schon immer. Grusel und Angst gehören an diesen fernen Ort. Da ist man allem im wahrsten Sinne des Wortes „ausgesetzt“.

Niemand sucht solche Orte. Genau dorthin wendet Jesus seinen Weg. Da wo ihm der Wind eiskalt um die Ohren pfeift, und er hält stand. Der Hebräerbrief zeigt den Galgenberg und spricht von Jesu Sühne, die hier an diesem Un-Ort bleibt. Und der Brief sagt „ein für alle Mal“ (Hebräer 10,10). Jesus hält an diesem Un-Ort dem Leid stand. Er ist der einzige, der das erträgt. Und er überwindet es. Jesus wird zum Hohenpriester für uns (Hebräer 4,14).

II.

„Man kann das kaum aushalten“, sagt jemand, ich höre es aus unseren beiden Gemeinden. „Die Alten aus der Pommern-Residenz sind so schlimm dran.“ „Überall ist plötzlich Kurzarbeit.“ „Wir müssen doch unsere Miete bezahlen, die Kinder kosten, die Monatskarte, das Auto frisst Geld.“ Das muss man jetzt alles aushalten. Dann die Meldungen, die Zahlen, diese Kurve mit den Infektionen, die immer weiter ansteigen und näherkommen, die Angst. Der Leichtsinn vieler kommt dazu. Heute ist es, „als hätte mir das Leben einen Stuhl vor die Tür gestellt.“ Man muss das aushalten. Tief durchatmen, ertragen und beten. Der Hebräerbrief sieht hier Jesus Christus, der hält das alles aus, für uns. Und Martin Luther sagt: „Ein Schluck Wasser oder Bier vertreibt den Durst, ein Stück Brot den Hunger, Christus vertreibt den Tod.“

„Draußen, vor dem Tor“, da sind wir nicht verlassen. Denn: Es wird geholfen, Menschen sind unterwegs, helfen, bergen, retten, bewahren die Alten und Kranken, sie setzen ihre Gesundheit selbst auf das Spiel. Wir lernen das alles noch einmal neu, was Nähe uns wirklich bedeutet.

Solange jemand Licht ins Fenster stellt, wir unsere Glocken läuten, wenn wir für den anderen beten, sind wir nicht „draußen, vor dem Tor“. Da ist Christus, nur er, aber für uns. Und dann singt eine leise Stimme „Verschon uns Gott mit Strafen und lass uns ruhig schlafen und unsern kranken Nachbarn auch“. Das hat Jesus dort draußen für uns bewirkt.

Zum Glück sind wir nicht draußen vor der Stadt auf dem kalten Galgenberg. „Draußen, vor dem Tor“, liegt Golgatha, die Märzsonne scheint grell, und es ist menschenleer. Der Galgenberg ist überwunden, denn „Christus vertreibt den Tod.“

III.

Wir werden uns später an diese Tage im März 2020 erinnern. Die Kinder werden sich noch in Jahrzehnten die Stimmung vergegenwärtigen können. Es ist für sie mehr als eine Mutprobe. Und an dieses Aushalten, das wir Erwachsene unseren Kindern vorleben, werden sie sich erinnern. Auch aus der Disziplin der Eltern, Großeltern werden sie lernen. Dieser kalte Hauch aber, der uns nun bedroht, wird sie immer wieder anwehen. Wir setzen Maßstäbe für unsere nachwachsende Generation.

Als die Kinder später von ihren „Mutproben“ in Meldorf am Galgenberg erzählten, klang das so: „Da haben wir das Gruseln gelernt in der Wildnis und jedes Geräusch ließ das Herz bis zum Halse pochen.“ Sie hätten geübt „wie man Angst aushält“, sie hätten es trainiert, wie im Sport. Ihre damaligen Mutproben helfen ihnen jetzt, wenn es mal eng wird. Denn sie wussten fortan ja, man kommt durch Angst hindurch. Dieses „draußen vor dem Tor“, das gibt es nicht mehr. Christus hat all diese Einsamkeit ausgestanden. Ein für alle Mal. Außerdem: Der Galgen und das Schafott sind demontiert. Das Todeswerkzeug gelangte nicht einmal in das schöne Meldorfer Museum. All das Werkzeug des Schreckens ist Schrott, seit Christus.



Sonntag Lätare – freuet Euch! 22. März 2020

Predigttext: Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden. Jesaja 66,10-14

Liebe Gemeinde,

nun sitzen wir in unseren Wohnungen und Häusern. Mir fehlen die vielen Begegnungen mit Ihnen in Ahlbeck und Zirchow sehr. Persönlich, wenigstens mit einem Blick in die Augen, das ist doch echtes Leben. Das Telefon bietet jetzt für die Zwischenzeit einen guten Ersatz.

Manchmal spüre ich auch eigene und fremde Angst. Sie will aufsteigen und lässt sich gelegentlich schwer besiegen. In der Nachbarschaft gehen die jungen Frauen und Männer in die „Kurzzeit“. Existenzen geraten in Gefahr. Familien sind verteilt. Ein Patenkind war noch in Mexico, ein Freund arbeitet in Afrika. Jetzt sind sie wieder zuhause und mindestens zwei Wochen isoliert. Und unsere Kinder leben auf dem Festland: München, Leipzig, Hannover, mitten in der wuseligen Innenstadt. Sie wären vorletzte Woche gerne „noch schnell“ nach Hause gekommen. Sie haben aber verzichtet, wollten mögliche Infektionen nicht weitertragen. Sie sind zum Glück gesund.

Unsere Sorgen verwandeln sich immer wieder zu Gebeten. Im Sinn habe ich wieder ein altes Nachtgebet: Müde bin ich, geh zur Ruh – (Evangelisches Gesangbuch Nummer 484).

„Alle, die mir sind verwandt,
Gott, lass ruhn in deiner Hand;
alle Menschen, groß und klein,
sollen dir befohlen sein.“

II. „Lätare“ - „freuet Euch“

Der Predigttext heute wechselt den Ton, der uns durch die zurückliegende Woche begleitet hat. Er findet Worte, die die Angst niemals wählen würde. „Lätare“, „freuet Euch“ heißt dieser Sonntag. Freuet Euch. Dem Volk Israel war ein Land versprochen, in dem würden Milch und Honig fließen. Und: Dieses Versprechen hat Freude ausgelöst, schon bevor es eingelöst werden konnte. „Vorfreude ist die schönste Freude“, sagte meine Mutter gerne. In den Fastenzeiten liegt immer eine Verheißung, die auf ein Ziel hinweist.

Ein einziges Versprechen hat die Kraft, der Gegenwart Glanz zu geben. Das Versprechen Gottes entfaltete die Kraft, die ein ganzes Volk benötigte. Und sie kamen durch die Wüste. So wie wir es jetzt auch erwarten.

Der Zukunftsforscher Mattias Horx stellt sich vor, wie er im September 2020 in einem Straßencafé sitzt, vor ihm eine Tasse Kaffee. Er stellt seinen Leserinnen und Lesern einen neuen Alltag vor, der von den jetzigen Erlebnissen profitiert: „Die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, erzeugte gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst“ (aus: www.horx.com und www.zukunftsinstitut.de). Die Vorstellung, dass wir unsere Haustüren wieder öffnen werden und wieder zur Kirche gehen und Menschen richtig begegnen können, sorgt für etwas hellere Gedanken.

Von der Verheißung des Gelobten Landes zehrte eine ganze Generation. Von der Verheißung Gottes zehren wir beständig. Da geht es elementar zu: „Nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes“. Der Gott der Bibel rechnet auch bei uns Erwachsenen mit kindlichen Bedürfnissen. Die spricht er an, er erkennt unsere Trostlosigkeit und unsere Trostbedürftigkeit. Und er spart nicht mit Trost: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Es geht um Gott, der bleibt Hinwendung zu uns. Und wir lernen im Moment neu Gemeinde zu sein, Zusammenhalt zu wahren ohne direkten Kontakt halten zu können. Wir teilen viele Ängste und wir teilen die Verheißung Gottes. Der Verheißung aber gehört dieser Sonntag.

Mitten in der Fastenzeit – es sind nur noch wenige Wochen bis Ostern – tritt die Auferstehung Jesu in unser Blickfeld. Da kommt Vorfreude auf. Auferstehung ist für uns zunächst Verheißung. Wir nehmen schon jetzt an der Auferstehung teil. Das neue Leben ist aus der alten Welt nicht weg zu denken. Der Karfreitag, das Kreuz, der Tod Jesu, diese dunkle Stunde der Menschheit und Gottes, wird einmal kurz übersprungen. Das sorgt heute für Trost, denn die Osterbotschaft reduziert die Angst, im besten Fall befreit sie uns von der Angst. Das erleben viele von uns.

Ich denke an unsere Ahlbecker Kirche: Mit Bedacht haben die Erbauer das Christusfenster in die Mitte gestellt. Es ist Verheißung, was wir hier sehen. Das schwere Kreuz als steinerne Siluette immer im Blick, schmälert die Verheißung nicht. Denn es war der Tod Jesu, der Tod durch Menschenhand, der uns zu dieser Quelle des Lebens bringt.

III. #balkonsingen

Die stärkste Kraftquelle liegt im Moment bei den vertrauten Worten, die einen ganz elementar ansprechen. Sie geben der Verheißung eine Sprache für unsere Zeit. Viele, die in der Not die Sprache für den Glauben verlieren könnten, entdecken das neu. Wir sind alle dabei, die alten Kraftquellen, die uns von Kindertagen an vertraut sind, neu zu entdecken. Sie sind die Muttermilch, die den Glauben, der in uns gewachsen ist, angefüttert haben.

Im Pfarrhaus in Ahlbeck und gelegentlich auch in Zirchow leuchten abends ab 19.00 Uhr Kerzen aus den Fenstern. - Das machen seit Donnerstag viele Menschen in ganz Deutschland. - Zu zweit singen wir: „Der Mond ist aufgegangen“. Es ist für uns ungewohnt. Selten haben wir nur zu zweit gesungen. Es waren doch immer die Kinder oder Gemeinde dabei oder einer unserer Kirchenchöre. Aber wir entdecken gerade, wie die unterschiedlichen Strophen dieses Liedes, neue Kräfte entfalten und dann schließen wir mit:

„So legt euch Schwestern, Brüder
in Gottes Namen nieder.
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen
und lass uns ruhig schlafen
und unsern kranken Nachbarn auch.“ (Evangelisches Gesangbuch 482,7)

In Gedanken treten beim Singen viele Menschen vor das innere Auge. Ich habe auch den Blick von den Altären über die Kirchen, viele Ihrer Gesichter vor Augen. Der fehlt am Sonntag. In diesen Liedern liegt eine Kraft, die die Sorgen einmal überspringt. Und das Wissen, dass andere an anderen Orten auch singen, tröstet heute. Am Sonntag werde ich abends eine Leuchte vor das Christusfenster stellen. Dann ist der Christus auch von draußen zu sehen. Er zeigt uns: Wir leben von dieser Verheißung.

NDR Kultur / NDR Info, Montag, 16. März 2020
Henning Kiene, Pastor in Ahlbeck und Zirchow auf Usedom

Wenn nachts die Gedanken kreisen

„Plötzlich war die Nacht zu Ende“, sagte er, „es ist gerade mal 4.30 Uhr und ich liege da, hellwach, und die Gedanken kreisen: Kleine Probleme machen sich riesig und alles, was gut ist, schrumpft zusammen.“ Wochenlang sei das so gewesen, und besonders oft in der Nacht zum Montag. Es war so, als kreiselten alle Gedanken wie in einem Wirbel. „Dann schlief ich erst wieder ein kurz bevor der Wecker klingelte.“ Am Frühstückstisch saß er wie gerädert, der Schatten der Nacht trübte den Tag ein. Seine Ärztin habe ihm gesagt, er sei körperlich gesund. Es sei alles nur eine „Episode“. Tabletten wollte er nicht nehmen.

Als er dann wieder einmal mitten in der Nacht aufwacht, fängt er an, seinem Atem nach zu lauschen. Sein Einatmen und Ausatmen sind regelmäßig, das beruhigt. Er folgt diesem Rhythmus, und er kommt zur Ruhe.

Irgendwann denkt er an früher, an seine Mutter, an die Gebete, die sie mit ihm am Kinderbett sprach. „Ich machte das mal probeweise“, sagt er verlegen. „Vater unser im Himmel“. Die Worte verhallen bei den ersten Versuchen. Es kommt nichts zurück. Dann aber nimmt er den Atem zur Hilfe. „Vater unser im Himmel“. Einatmen. Ausatmen. „Geheiligt werde dein Name“. Einatmen. Ausatmen. Er spürt eine uralte Kraft, die sich durch die Worte hindurch entfaltet. Er wacht morgens deutlich frischer auf.

Er erinnert sich an andere Gebete. Ein Vers aus der Konfirmandenzeit, lange ist das her. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“, auch dieses Gebet fügt sich in den Rhythmus des Atems ein. „Das ist jüdisch- christliche Tradition“, denkt er. Morgens sitzt er nun erholter am Frühstückstisch.

„Was wäre, wenn ich das meinen Kollegen oder beim Fußball erzählen würde?“, fragt er. „Behalten Sie Ihr Geheimnis lieber für sich, es gehört nur ihnen“, rate ich ihm, „aber Ihre neue Zuversicht geben Sie bitte weiter, diebrauchen die Anderen jetzt dringender denn je.“




NDR Kultur / NDR Info, Mittwoch, 18. März 2020
Henning Kiene , Pastor in Ahlbeck und Zirchow auf Usedom

Es pilgert sich leichter mit wenig Gepäck

Oben auf  der ersten Stufe zu unserer Kirche in Zirchow saß im vergangenen Sommer ein Mann. Rucksack und Trinkflache standen neben ihm. Seine Füße steckten in großen Wanderschuhen. Seine Jacke, neu. In der Kirche sei es sicherlich kühler, aber „hier in der Sonne ist es herrlich“, sagte er. Er sei auf dem Pilgerweg, wandere auf der sogenannten Via Baltica. Dieser Pilgerweg führt nach Osnabrück, von dort geht es dann Richtung Santiago de Compostela. Das sei aber nicht sein Ziel, noch nicht. Das jetzt sei so ein Versuch, er nutze seinen Urlaub für diese Wanderung. Seine Familie verzichte auf ihn und die gemeinsame Zeit.

Dann erzählt er von Zuhause, seiner Frau, den Kindern. Sie wohnen schön, haben viel Platz, alte Möbel, er fahre auch ein tolles Auto. „Dienstwagen“, strahlt er. Beruflich gehe es ihm sehr gut. Und: Sie seien alle gesund, „hoffentlich“. Aber dann spricht er von einer Furcht. „Es scheint immer alles so selbstverständlich, auch unser persönliches Glück. Aber selbstverständlich ist doch nichts.“ Ich sehe sein Grübeln. Es ist, als zögen an diesem unbeschwerten Sommertag Sorgen auf.

„Ich spüre, beim Pilgern verschiebt sich etwas,“ sagt er. Dann schwärmt er von der Stille, von der schlichten Herberge der letzten Nacht, es sei einfach und schön, und das lange Schweigen und diese selbst gewählte Einsamkeit seien eine Wohltat. „Es scheint so, als übe ich für ein anderes Leben“, sagt er.

Gestern habe ich wieder an ihn gedacht. Ich sah ihn wieder, - natürlich nur vor meinem inneren Auge - er saß da, auf der Stufe vor unserer Kirche in der Sonne. Heute denke ich, dieser Pilger hat geübt für diese Tage, die wir gerade erleben.

„Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat“, dieser Satz stammt von Jesus. „‘Sorgt nicht‘, das stimmt,“ antwortete er damals im vergangenen Sommer. „Irgendwann zählen sowieso nur noch Vertrauen und Optimismus“, so endete unser Gespräch. Er ließ den Rucksack auf seine Schultern gleiten und wanderte mit großen Schritten weiter. Heute hoffe ich, dass es ihm gut geht. Dieses „Es zählen sowieso nur noch Vertrauen und Optimismus“ klingt heute noch nach. 

 


 NDR Kultur / NDR Info Donnerstag, 19. März 2020

Henning Kiene , Pastor in Ahlbeck und Zirchow auf Usedom

Das Schweigen des Großvaters - nicht gesendet

„Dass Schweigen mir guttut, habe ich mühsam gelernt,“ erzählt er, „Schweigen begann mit meinem Großvater. Immer, wenn ich fragte, „Opa, erzähl mal von früher“, bekam ich ausweichende Antworten. „Es war Nazizeit, es war Krieg, ich war Soldat“, sagte Großvater. Auf Nachfragen brummelte er, „War alles nicht schön.“ Dann wurde er still, das Ticken der Standuhr klang ohrenbetäubend, er hätte gerne etwas gesagt. Er schwieg, war ja noch ein Kind. Das passte nicht zumOpa, den alle kannten, der gerne lachte und Oma schnell im Vorbeigehen küsste. „Dieses Schweigen war wie Blei, wir trugen in unserer ganzen Familie schwer daran“, erinnert er sich, „aber selbst darüber herrschte Schweigen.“

Es gibt ein bedrohliches Schweigen. In dem kommt die Angst und all das Dunkle nicht zur Sprache. Dieses Schweigen erstickt jedes Gespräch. Gerade heute ist es so wichtig, dass wir unsere Furcht nicht wortlos herunterschlucken. Hinsehen und Ertragen hilft, dann lässt es sich damit besser leben. .

Eines Tages trug der Opa dann ein dickes Album mit sich. Er legte es auf den Tisch. „Du sollst es lesen,“ murmelte er. „Ich habe es gelesen, später unzählige Mal“, erzählte der Enkel, der nun kein Kind mehr ist. „Es waren Bilder aus Opas Jugend, Fotos und kurze, präzise Texte, Ortsangaben, Daten aus dem Krieg. Opa war Fernmelder, sie zogen Kabel, und man sieht einen Wagen voller Technik.“ Dann: In Russland brennen Hütten, Zivilisten fliehen, Pferdewagen auf eisigen Wegen, Tote Pferde im Graben, aufgedunsen, kaputte Autos, „Rückzug“, schrieb er.

„Er saß neben mir, bis ich es durchgelesen hatte. Er schwieg, sah zu, auch dann noch, als die ganze Familie sein Buch las“, erinnert sich der Enkel. „Dieses Schweigen war aber anders. Es tat uns gut.“

Sie hatten in einen Abgrund gesehen. Es war Opas Leid. Eine ferne Schuld kam ihnen nah. Da liegt etwas nur in Gottes Hand. In seinen Augen erkannten sie seine Not und es löste sich etwas. „Da habe ich gelernt, wie gut Schweigen sein kann,“ sagt er.

Das ist das andere Schweigen, es kennt die Abgründe, es hält sogar die große Not aus. Es harrt aus und vertraut auf Gott. Solches Schweigen ist voller Demut, es lässt dem anderen Menschen Raum.

 


 

NDR Kultur / NDR Info Freitag, 20. März 2020
Henning Kiene , Pastor in Ahlbeck und Zirchow auf Usedom

#stayathome

Gestern abend um 19 Uhr leuchteten Kerzen in den Fenstern unserer Pfarrwohnung. Und wir haben gesungen: „Der Mond ist aufgegangen. Die goldenen Sternlein prangen“. In unserer Kirche hatte jemand die Idee: #balkonsingen. Motto: „Wir halten uns fern und sind füreinander da – Licht der Hoffnung!“ Die Straßen waren leer und wir in der Wohnung seit Tagen nur zu zweit. Aber die Kerzen taten uns gut, auch das Singen und wir wussten, andere machen zu selben Zeit mit. Das verspricht Verlässlichkeit: Die schlichte Geste, die einfache Melodie, die vertrauten Texte.

Unsere Freundin Sylvia unterstützt Kinder mit hohem Förderbedarf. Sylvia nimmt mehrmals täglich mit dem Handy kleine Filme auf. Sie sitzt zuhause am Tisch. Sie zeigt mit ihren Fingern Zählverse und singt dazu. Und ich stelle mir vor, wie die Kinder bei sich zu Hause ebenfalls am Tisch sitzen und mit ihren Fingern den Film nachspielen und singen das Lied. Sie können sich auf Sylvia verlassen.

Zwei Jugendliche aus der Jungen Gemeinde stecken Zettel in Briefkästen. Sie bieten älteren Menschen Gespräche am Telefon an. Sie würden deren Einkäufe erledigen und vor der Tür ablegen. Motto: „Wir halten Abstand und sind füreinander da“. Die Alten können sich auf die Jungen verlassen.

Ein Koch aus einem Hotel muss in die Kurzarbeit wechseln. Er und seine Frau haben sich gerade eine größere Wohnung geleistet. „Das ist hart, es tut mir aufrichtig leid“, sagt der neue Nachbar über den Gartenzaun. Das Mitleid klingt echt und es tut jetzt einfach gut.

In dieser Krise stehen die kleinen Gesten für Verlässlichkeit. „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“, schreibt der Apostel Paulus an seine Gemeinde. Diese oft bedrückende Stimmung wird nicht Oberhand gewinnen. Es wirken viele Kräfte dagegen. Dieser äußere Abstand, den wir alle wahren müssen, macht das Leben der Jungen und der Alten sicherer.

Sylvias Handy-Filme, die Telefonate der Jugendlichen, das Einkaufen, die vielen Gespräche über den Gartenzaun auch die echte, menschliche Anteilnahme sorgen für Verlässlichkeit. Ich bin mir sicher, es gibt auch auf Distanz viel Nähe.

Auch Heute Abend: Wir zünden die Kerzen wieder an, Singen „Der Mond ist aufgegangen“. Gerade auf Abstand sind wir in diesen Tagen wirklich füreinander da.

 

NDR Kultur / NDR Info Sonnabend 21. März 2020
Henning Kiene, Pastor in Ahlbeck und Zirchow auf Usedom

Weiter Blick und ferne Häfen

Sonnabends am Strand von Ahlbeck. Viele Gäste unserer Insel zieht es hierher. Man sieht sie in kleinen Gruppen. Sie wandern direkt am Wasser entlang. Eine große Fähre verlässt den nahen Hafen, steuert ein fernes Ziel an. Im Vorübergehen fange ich Gesprächsfetzen auf. Es geht um die Arbeit, und um die Familie. Ein Paar spricht von der Hochzeit. Mehr höre ich nicht. Man sieht Gesten, manchmal bleibt jemand stehen, als müsse ein Satz unterstrichen werden.

Die gemächliche Muße am Sonnabend gehört hier in Ahlbeck zum Rhythmus der Woche. Offenbar inspiriert der Strand, und die Weite der Ostsee belebt die Gespräche. Das tut den Menschen gut und mir auch. Es ist als legte man in solchen Gesprächen einen Vorrat Menschlichkeit an. Gerade die Vorstellung, dass da in der Ferne ein Hafen ist, es ein Ziel zu erreichen gilt, regt die Fantasie an.

Heute bleibt der Stand leer. Das ist ungewohnt. Nur wenig Menschen sind weit und breit zu sehen, seit Tagen ist das so. Das ist bedrückend. Der Sonnabend hält dennoch seine Mußestunden bereit. Es ist die Zeit für gründliche Gespräche. Heute greife ich nur zum Telefon. Rufe sie an, die alten Eltern, meine Schwester und den Freund in Münster. Wir haben uns so vieles zu sagen. Wir werden uns an unsere Ziele erinnern. In diesen Tagen kann man sogar abgerissene Gesprächsfäden wieder aufnehmen.

Eine Erinnerung klingt an: Als Israel durch die Wüste zog, erhielten die Menschen eine Portion Manna, Himmelsbrot, abgewogen nur für einen Tag. Ausnahme: der sechste Tag, da bekamen die Menschen eine doppelte Ration. Eine mehr, für den kommenden Sabbat. „Sehet, der Herr hat euch den Sabbat gegeben; darum gibt er euch am sechsten Tage für zwei Tage Brot“, (2. Mose 16,29) heißt es in der Bibel. Das gehört zum Sonnabend, das Proviant, das bereit liegt, gilt es aufzusammeln. Gott gibt mehr als wir unbedingt brauchen. Das, was uns verbindet, das Menschliche, liegt auch heute bereit. Gott steht für den Proviant ein, den wir benötigen werden.


 

Predigt und Gebet zum Lesen und Mitmachen
Sonntag Okuli, 15. März 2020, Evangelisches Pfarramt Ahlbeck-Zirchow auf Usedom
Pastor Henning Kiene

Predigttext: Als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu Jesus: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Lukasevangelium 9,57-62

Liebe Gemeinde,

im Rückspiegel sah er sie noch lange, beide winken sie ihm nach. Er spürt den Fahrtwind an seinem Arm. Dann kurbelt er das Fenster hoch. Hinter ihm seine „Alten“ vor ihm ein Studienplatz. Er sieht, wie der Vater verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel wischt. Mutter greift nach Vaters Hand. Er denkt an das, was kommt: Studium, Ausbildung, Zukunft, Freundschaften. Es liegt noch unbekannt vor ihm. Kein Ballast beschwert ihn. Der Fuß sucht das Gaspedal. Das geliehene Auto beschleunigt. Die Luft riecht nach Benzin. Dann aber zieht der Duft der Freiheit durch das voll beladene Auto.

Momente voller Aufbruch. Es gibt sie immer wieder. Auch heute liegt etwas Neues, Unbekanntes in der Luft. Es ist bedrückend, macht das Herz schwer. Abschied: Das letzte Abschließen der Tür. Wohnung ist leergeräumt. Neubeginn im frisch gestrichenen Zuhause, das noch keines ist. Oder: Das Elternhaus aufgelöst. Die Ehe auseinander. Ein letztes Mal rumort der Schlüssel im Schloss. Nun heißt es, die Schlüssel abgeben. Das ist dann doch noch plötzlich. Kloß im Hals. Man schluckt. Nun heißt es: Neu beginnen. Der Kopf sagt, „du gehst gerade über eine Schwelle.“ Es gibt jetzt ein „Damals“ und es gibt ein „Morgen“ und ich bin schon mehr im „Morgen“, als mir lieb ist. Heute ist die Schwelle erreicht, wieder einmal. Jede und jeder spürt es. Heute liegt allerdings weniger Freiheit in der Luft, es ist viel Angst, sehr viel Angst zu spüren.

„Folge mir nach!“ - Übergänge sind hart, oft auch steinhart. Solche Erfahrungen sind eingeflossen in das Evangelium. Abraham brach aus Ur auf. Sahra wurde im hohen Alter schwanger. Hanna bringt Samuel zur Welt und sie preist Gott „Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche“ (bitte lesen: 1. Samuelis 2,1-11). Petrus lässt die Netze liegen. Aus dem Fischer wird ein „Menschenfischer“. „Folge mir nach!“, so klingt es am Übergang. Was war, ist gewesen, das was sein wird, trägt den Keim des Neuen in sich. Es muss nicht alles schlechter, es kann ja auch vieles besser werden.

Wir können dieser Angst, die in uns herumwirbelt, ja auch unsere Hoffnung entgegenhalten. Wir können der Furcht um die Gesundheit auch mit dem Vertrauen begegnen, das uns alle Tage trägt. Es wenigstens versuchen! Denn Gott handelt mit uns nicht durch Leid. In Jesus Christus offenbart sich Gott ein für alle Mal als ein liebender Gott. Er begleitet uns unter Verzicht auf menschliche Macht und Gewalt auch durch die tiefen Täler des Lebens. Das ist wichtig zu wissen auf der Schwelle zu Neuem.

Ich höre Jesu Stimme „folge mir nach“, sie klingt in meinen Ohren heute schroffer als sonst, unnachgiebig. So kenne ich seine Stimme nicht. Denn mancher Aufbruch im Leben eröffnet weder Alternative noch ein Zurück. Da hängen die Zimmerdecken nach dem Bombenangriff schräg, Mauern liegen auf der Straße, die Möbel rutschen. Die Flucht wird zur letzten Chance. Am vergangenen Donnerstag erzählte eine alte Frau aus Swinemünde. Das war im März 1945. Und heute ist das in vielen Gebieten der Welt nicht viel besser. Da sitzen sie am Grenzzaun zu Europa und hoffen auf einen besseren Morgen. Es sind – wie vor 75 Jahren – wieder die Kinder, die dem schroffen Leben begegnen. Zum Glück handelt Gott nicht durch Leid. Darum: Die Politik könnte Leid lindern und wenigstens die Kinder retten.

„Folge mir nach!“ höre ich. Das Schroffe, das alles überlagert, weicht aus Jesu Wort. „Ich muss aber doch noch“, denke ich, schnell noch „Tschüss sagen“, länger winken, noch einmal die Tür öffnen, ein aller letztes Mal durch die leeren Räume gehen. An den Wänden hingen meine alten Poster. Die Schatten sind noch zu erkennen. Auch noch einmal an das Grab der Eltern treten, das wäre vielleicht gut. Abschiednehmen braucht Zeit, weiß Jesus das denn nicht? Zwei Fragen lässt Jesus zu, zwei Extrarunden durch das Gestern. Zum Glück wird hier nicht gescholten. Da ist wieder dieser Moment auf der Schwelle. Irgendetwas Neues liegt in der Luft. Gut ist dran, wer nun aus dem Autofenster winkt und sieht, was im Rückspiegel immer kleiner wird und dabei doch noch heiter sein kann und voller Zuversicht. An vielen Schwellen reicht es, einmal kräftig zu schlucken und der Moment des Schmerzes verfliegt.

Heute aber jagt seit Tagen eine schlechte Nachricht die nächste. „Ich bin Risikogruppe“, höre ich aus allen Ecken. Es liegt viel Angst in der Luft. „Gespenstisch“, sagt jemand. Die Grenzen nach Swinemünde werden geschlossen. Das ist keine Zukunftsoption, das macht Angst.

Doch dann kommt das Evangelium für diesen Sonntag. Jesu Stimme klingt kraftvoll und ist sicher: „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ So höre ich ihn heute. Kein Wort spricht vom nahen Untergang. Jesus wagt es an der Schwelle, über die es nun geht, vom Neuen, vom Reich Gottes zu reden. Da wird Hoffnung wach. Zu den Ängstlichen sagt er: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“ (Matthäus 5,4). Da klingt Mut herüber. Keineswegs ist heute ein Schlusspunkt. Es ist eine Schwelle. Am Kreuz spricht er später sogar vom Paradies. Das sind die Perspektiven, die sich aus dem Evangelium heraus in das Leben hinein entfalten.

Mitten in dieser harten Zeit ist kein Kompromiss mehr möglich: „Folge mir nach!“ Da sind Menschen, die lassen sich ihre Hoffnung nicht verderben. Die Hilfebereitschaft wird nicht untergebuttert von der Angst. Da wird in diesen Tagen viel gebetet „Vater hilf!“ Es wird mit den Alten telefoniert, da wird Acht gegeben, dass die Kinder den Alten fernbleiben und niemand einsam und verlassen in der Wohnung sitzt. Kann ich helfen? Kann ich etwas mitbringen? ich lege es vor die Haustür. Da sind die Erfahrungen, die aus der Bibel heraus heute ihre Wirkung entfalten. Man spricht von Achtsamkeit. Ich zitiere nur: „Folge mir nach!“

Diesen Blick in den Rückspiegel, in dem er seine Eltern sieht, beide stehen Hand in Hand an der Straße, hat er nie vergessen. Er ist dankbar, dass er damals aufbrechen durfte. Er spürt den Fahrtwind, als er aus dem Fenster winkt. Und weiß, dass sie ihn gerne haben fahren lassen. Aus damals ist er klug geworden. Dieser Abschied war nur eine Übung für bedeutend schwereren Abschied. Aber er weiß: Aus dem Fischer von der Küste wird ein „Menschenfischer“. Hanna preist Gott: „Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche.“

„Folge mir nach!“, das heißt heute, aus den Ängstlichen werden Mutige, aus den Verzagten gehen Starke hervor. So klingt Jesu Wort auf der Schwelle: Mehr nach liebendem Gott, als nach Angst. So klingt Jesus auf der Schwelle, nach viel Sehnsucht, die sich in Richtung Hoffnung ausstreckt, eben nach dem Sound, den das Reich Gottes mit sich bringt. Amen.

Gebet:

Guter Gott, du bist in unserer Mitte,
dein Wort öffnet Wege, verspricht neuen Mut.

Gott, dir sei Dank.

Nun aber bitten wir,
für unsere Kinder, bewahre sie,
für unsere Alten, hüte sie,
für alle, die in der Mitte des Lebens stehen, stärke sie,
nimm dich unser an.

Gib Ruhe in aufgewühlten Seelen,
Vernunft in hektische Gedanken,
schenke Besonnenheit in allem Tun.

Gott, höre unser Gebet.

Guter Gott, du bist in unserer Mitte,
dein Wort öffnet Wege, verspricht neuen Mut.

Gott, dir sei Dank.

Nun aber bitten wir,
für alle, die Verantwortung tragen, in Politik, Medien und Wirtschaft, stärke sie,
für die, die Dienst tun in Kliniken, Rettungsdiensten, bei Polizei und Feuerwehr, schütze sie,
für alle, die Dienst tun für unsere Kommune, hilf helfen,
nimm dich ihrer an.

Gib Ruhe in aufgewühlten Seelen,
Vernunft in hektische Gedanken,
schenke Besonnenheit in allem Tun.

Gott, höre unser Gebet.

(Schweigen)

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden,
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben
Unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen

Jeder sagt es für jeden: Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir (+) Frieden. Amen



Guter Gott,

die Corona-Krise macht uns Angst. Solch eine Situation hatten wir noch nie.

Auf der ganzen Welt werden Menschen deswegen krank.
Und noch viel mehr bleiben zuhause oder auf Abstand zueinander, um sich nicht anzustecken mit dem neuen Virus.

Ich bitte dich: Steh uns bei in dieser Situation.
Sei bei den Kranken und den Risikopatienten und bei allen, die sich um sie kümmern.

Hilf uns, gelassen zu bleiben.
Hilf uns, Solidarität zu zeigen mit denjenigen, die wir jetzt besonders schützen müssen.

Guter Gott,

lass diese Corona-Krise bald vorübergehen.
Und schenke uns jetzt Mut und Zuversicht.

Amen.

Beate Hirt (https://www.kirche-im-hr.de/aktuelles/2020/gebet-in-der-corona-krise/?ADMCMD_simTime=1584144060)


Das Nagelkreuzgebet aus Coventry (aus Anlass des 75. Jahrestages der Bombadierung der Stadt Swinemünde - 12. März 2020)

Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten. (Römer 3, 23)

Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse,

Vater, vergib.

Das Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr Eigen ist,

Vater, vergib.

Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet,

Vater, vergib.

Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der Anderen,

Vater, vergib.

Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge,

Vater, vergib.

Die Gier, die Frauen, Männer und Kinder entwürdigt und an Leib und Seele missbraucht,

Vater, vergib.

Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott,

Vater, vergib.

Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem anderen, wie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus. (Epheser 4, 32